Wer sind eigentlich die Feministen?

Eine Gruppe Feministen

Immer wieder liest man in den deutschen Medien von den Feministen (seltener auch von den Feminist_innen, FeministInnen, Feminist!nnen), die dieses oder jenes gesagt hätten, durchsetzen wollten oder für richtig hielten. Das erweckt den Eindruck, es handle sich beim Feminismus um so etwas Ähnliches wie ein Parteiprogramm, worin nicht nur gemeinsame Ziele, sondern auch schon Wege vereinbart wurden, wie diese Ziele am besten zu erreichen seien. Angesichts der wenigen Thesen, die wirklich alle Feministen* teilen, kann davon jedoch nicht die Rede sein. Es ist kein Zufall, dass sich gerade Feminismusgegner diesem Sprechakt bedienen. Die ungerechtfertigten Verallgemeinerungen dienen für gewöhnlich einzig dazu, Denkansätze pauschal abzulehnen, ohne sich näher mit den einzelnen Thesen auseinanderzusetzen. Das Phänomen ist natürlich auch bei anderen Gruppierungen bekannt. Wenn es um Feminismus geht, scheint es aber besonders häufig aufzutreten.

Ein Beispiel:

In diesem Beitrag in Der Welt präsentiert uns die Journalistin Ronja von Rönne ihre Meinung zu dem Feminismus. Dabei kann ihr Beitrag schon fast als ungewöhnlich reflektierter Fall bewertet werden, denn immerhin kommt die Autorin in der Mitte ihrer Darlegung doch noch kurz auf die Idee, sich zu fragen, inwieweit ihre Ansichten zu dem Feminismus damit zu tun haben könnten, welche Feministen ihr persönlich bekannt sind. Aus diesem kurzen geistigen Lichtblick folgt allerdings für die weiteren Überlegungen nichts. Von Rönne nimmt es jedoch als Anlass, uns auf die wahrscheinlich umstrittenste Äußerung einer Feministin der jüngsten Zeit hinzuweisen, nämlich die in der EMMA präsentierte Position von Luise F. Pusch, wonach uns künftig häufiger Pilotinnen fliegen sollten, weil Frauen weniger Probleme mit bestimmten psychischen Krankheiten hätten.

Meinungsäußerung hin oder her – so geht das nicht!

Schon in der reißerischen Überschrift, die an ein bekanntes anderes Blättchen des Axel-Springer-Verlags erinnert, klärt uns von Rönne über ihre wirklich ungewöhnlichen Gefühlsausprägungen auf, denn offenbar kann sie sich vor akademisch-politischen Bewegungen „ekeln“. Darüber hinaus lässt sie erahnen, dass nun wahrscheinlich keine differenzierte Position zu einzelnen Thesen verschiedener Feministen dargelegt wird. Nun handelt es sich ja um eine sogenannte Meinungsäußerung, die eben nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung hat. Aber wie fände man es, wenn jemand sagen würde: „Philosophen ekeln mich an“, obschon die Person eigentlich nur die Thesen von Platon nicht teilt; „Politik ist schlecht“, während die Person eigentlich nur Äußerungen von Sigmar Gabriel problematisch findet; oder „Tageszeitungen sind nicht lesenswert“, obwohl die Person lediglich die Beiträge von Ronja von Rönne nicht ertragen kann. Von Rönne regt sich zwar vermeintlich über den Feminismus auf, zählt aber nur Positionen auf, die nicht den Feminismus als solchen ausmachen, sondern vielmehr als diejenigen bestimmter Feministen darzulegen wären, wie beispielsweise die Forderung nach einer Frauenquote oder nach der sogenannten gendergerechten Sprache.

Wie man etwas gegen den Feminismus haben kann

Tatsächlich ist sehr schnell gesagt, worin sich Feministen einig sind: Sie wollen erreichen, dass Frauen und Männer bzw. generell alle Geschlechter gleichgestellt sind. Feministen gehen dabei davon aus, dass die Gleichstellung zwischen Mann und Frau nicht erreicht ist, und zwar zu Ungunsten der Frau. Mehr Thesen teilen Feministen zunächst einmal nicht. Klar, es gibt Feministen, die wollen die Gleichstellung mithilfe der Frauenquote durchsetzen, es gibt Feministen, die reden ständig von Geschlechterkonstrukten, es gibt Feministen, die scheinen Männer nicht zu mögen, und solche, die anscheinend gerne jammern, es gibt vielleicht sogar selbsternannte Feministen, die finden Frauen eigentlich doof. Es gibt aber auch Feministen, für die gilt all das nicht.

Letztlich sind daher nur zwei bzw. drei Möglichkeiten zu verzeichnen, wie man generell gegen den Feminismus sein kann:

1. Man findet eben nicht, dass die Frau dem Manne gleichgestellt sein sollte.
2. Man vertritt die Position, dass die feministische Bewegung ins Leere laufe, weil es sich umgekehrt verhalte, als die Feministen sagen, und tatsächlich die Männer gegenüber den Frauen benachteiligt seien oder, weil Gleichstellung schon längst erreicht sei.

Allem Anschein nach will von Rönne letzteres behaupten. Dann sollte sie aber zumindest die Fakten in den Blick nehmen, die Feministen an der Gleichstellung zweifeln lassen.

Von Rönnes Lebenswelt

Stattdessen erklärt uns die studierte Journalistin, die früher als Model tätig war, wie es in ihrer persönlichen Lebenswelt so aussieht. Dort nämlich hingen Verliererinnen mit Opferkomplex dem Feminismus an oder Hipster, die mit sich mit geradezu kindlichem Eifer Opfer von Sexismus herbei fantasieren, während andere hart an ihrer Karriere arbeiteten. Auf die Daten, die üblicherweise herangezogen werden, um die Benachteiligung von Frauen zu belegen, geht von Rönne nicht ein; sie hat da eben andere Erfahrungen gemacht. Vielleicht wird uns von Rönne bald auch noch erklären, dass wir keinen Antirassismus mehr brauchen, weil sie just in ihrer persönlichen Umgebung keine rassistischen Angriffe wahrnimmt.

Wer sich wie eine stereotype Frau verhält, sei selbst schuld

Von Rönne verdeutlicht uns, dass sie selbst keine Probleme hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Stellung hat und auch keine Lust, sich für diejenigen anderer Menschen einzusetzen. Am besten solle jeder für sich selbst kämpfen, wie man das eben so macht in einer neoliberalen Gesellschaft. Die junge Journalistin erklärt dementsprechend, wie ihrer Meinung nach Feministen zu sein haben: nämlich tatsächliche Opfer von Unterdrückung durch ihre Geschlechtszuordnung. Wie sich das zu ihrer Klage verhält, dass ja so viele Loser Feministen seien – beispielsweise ehemalige Studentinnen, die keinen Job finden –, kann man erahnen: Wenn Frauen in einer schwierigen Lage sind, kann es unmöglich damit zu tun haben, dass sie Frauen sind, vielmehr muss es wohl daran liegen, dass sie jammern statt handeln.

Ein geringes Einkommen allerdings sei schon irgendwie auf Genderklischees zurückzuführen, denn entspricht eine Frau allzu sehr dem weiblichen Rollenbild, sei ja klar, wieso sie kein anständiges Gehalt erwarten könne. Solche Frauen würden eben die harte Wirtschaftsrealität mit ihrem Puppenhäuschen verwechseln, und lieber selbstgemachte Kuchen anbieten als ernsthaft an ihrer Karriere zu feilen. Spätestens an dieser Stelle hätte selbst von Rönne auffallen können, dass die ihrer Auffassung nach große Verbreitung von realitätsfernen Träumereien bei Frauen etwas mit sexistischer Kultur zu tun haben müssen, und der Feminismus entsprechend sogar in der Lebenswelt von von Rönne eine Aufgabe hat. Dem allerdings steht von Rönnes Bekenntnis zum „Egoismus“ entgegen, dem alles, was über eine selbstverliebte Nabelschau hinausgeht, als Kommunismus und somit problematisch gilt. Deshalb habe, wer nicht selbst Opfer von Sexismus sei, gefälligst auch nicht mit feministischen Forderungen zu kommen, sonst mutiere dieser zu einem Charityprogramm.

Hinter der Wut steckt die Furcht

Was eine studierte Frau dazu veranlasst haben könnte, diese unüberlegten bis wirren Meinungsfetzen zum Feminismus in derart respektlosem Tonfall öffentlich zu präsentieren, wird sich womöglich nicht gänzlich klären lassen. Die Aggressivität, mit der hier gegen Feministen gewettert wird, ist aber leider kein Einzelfall. Sie zeugt meines Erachtens davon, wie tief der Sexismus in unserer Gesellschaft verankert ist und wie sehr sich viele Menschen davor fürchten, dass diese Ordnung ins Wanken gerät.

* Zur Frage der gendergerechten Sprache werde ich mich bald äußern und dann auch Entscheidungen treffen. Bis dahin bleibe ich bei der Sprachtradition, die die männliche Form als Standard setzt.

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Bildrechte: Okay, is the guy there for moral support or actually helping with the banner? von Steve Baker auf Flickr, CC BY-ND 2.0

Nachtrag:

Der Artikel von Ronja von Rönne hat mittlerweile viel Aufsehen erregt. Die zahlreichen Reaktionen kann ich hier nicht alle aufzählen. Einige will ich dennoch nennen:

  • Andreas Kemper lieferte sich mit von Rönne ein kleines Wortgefecht, das seinen Anfang mit seiner Replik nahm „Warum mich der Adel anekelt„. Kemper ärgert sich vor allem darüber, dass eine derart privilegierte Person wie von Rönne (adelig, hübsch genug zum Modeln, Kind von Akademikern, keine Geldsorgen) so abschätzig über Menschen spricht, die nicht so viel Glück hatten.
  • Eine scherzhafte Verarbeitung erschien auf dem Blog makellosmag unter dem Titel „Warum mich die moderne Butter anekelt“ .
  • Barbara Streidl tendiert in der Podcastfolge „Fußball ist doof, den versteh ich nicht – abschaffen“ eher zum Mitleid für die junge und unreife Journalistin. Sie mutmaßt, die Redaktion Der Welt habe die junge Frau dazu aufgefordert, in derart scharfem Tonfall zu schreiben. Katrin Rönicke findet es schade, dass nun gerade dieser Text der neuen Feminismus-Reihe in Der Welt so viel Ruhm erlangt hat.
  • Eine sehr umfassende Reaktion in Form eines offenen Briefs veröffentlichte Svenja Graefen auf ihrem Blog.

 

13 Gedanken zu „Wer sind eigentlich die Feministen?

  1. Gerne gelesen. Die Analogie ‚Feminismus – Philosophie/Politik‘ etc. („„Politik ist schlecht“, während die Person eigentlich nur Äußerungen von Sigmar Gabriel problematisch findet“) fand ich zunächst besonders überzeugend. Doch jetzt bin ich ins Grübeln geraten. Denn anders als bei Politik etc. wird mit dem Ismus doch explizit eine Ideologie bzw. eine politische Richtung bezeichnet. So gesehen kann ich *den* Feminismus genauso wie *den* Gabriel und sogar *die* SPD durchaus problematisch finden. Auch wenn es gleichzeitigt stimmt, dass Gabriel / SPD / Feminsmus nicht als einheitlicher Block zu verstehen ist.
    Ich will die Kritik an dem Welt-Artikel damit nicht schmälern, aber mir scheint dennoch, dass Feminismus durchaus in Analogie zu einer *bestimmten* (und damit auch kritisierbaren) politischen Richtung gesehen werden kann und dann nicht einfach nur ein Oberbegriff wie „Politik“ ist. Oder?

    1. Hallo Nona, ja du hast recht, die Analogien Politik/S. Gabriel und Philosophie/Platon sind überspitzt. Wenn man es genau nimmt, wäre da mit Blick auf Gabriel tatsächlich eher die SPD zu nennen, mit Blick auf Platon…nun ja, je nachdem, was man so im Blick hat z. B. organische Staatstheorien o. Ä. Der Punkt, den ich damit machen wollte, wird davon hoffentlich nicht beeinträchtigt. Wenn jemand die theoretischen Grundlagen eines Programms (Ismus) teilt, aber nicht mit den Äußerungen der einzelnen Vertreter einverstanden ist, wäre es angemessener zu sagen „Das Programm ist super, die Vertreter allerdings weniger“, als die Position zu vertreten: „Das Programm ist nicht gut, weil die Vertreter es sind.“ Wenn jemand einzelne Programmpunkte kritisieren will, sollte er genau das tun. Auch die SPD pauschal abzulehnen, weil Sigmar Gabriel nicht gefällt, wäre unangemessen, obschon die SPD ja wesentlich mehr „Programm“ hat als der Feminismus.

      1. Danke für Deine prompte Antwort! Ja, genau. Die Überspitzung zieht ja auch erst mal, und der Hauptpunkt wird nicht beeinträchtigt, sondern sogar klarer. (Ich war (und bin) mir auch bei meiner Anmerkung unsicher.) Die Hetze gegen eine politische Bewegung wie den Feminismus unter Berufung auf Extrembeispiele ist ebenso beliebt wie unangemessen. Spannend bleibt Deine abschließende Frage, was jemanden eigentlich zu solch unangemessener Kritik veranlasst. Ist es einfach das inzwischen recht abgestumpft anmutendende mediale Schlachtfeld, auf dem solche Anfeindungen üblich sind, weil sie klicks bringen und den Umsatz von Popcorn steigern? Oder eher die Furcht vor dem Verlust von Ordnungen?

        1. Ich will auch gar nicht in Abrede stellen, dass der Wunsch nach vielen Klicks und Aufmerksamkeit eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Textes gespielt hat. Womit sich aber beispielsweise eine renommierte Tageszeitung/eine junge Journalistin öffentlich zu provozieren traut, dafür gibt es ja einen gesellschaftlichen Rahmen. Feminismusbashing ist in Deutschland offenbar salonfähig, sonst würde Die Welt solche Texte gar nicht in das Programm aufnehmen; die eigene Reihe zum Feminismus nicht mit den Worten begründen, die Feminismusdebatte sei langweilig geworden. Und der Grund dafür, dass das so salonfähig ist, so glaube ich zumindest, liegt wahrscheinlich in besagter Furcht.

  2. Schöner Post, fasst alles nochmal gut zusammen. Und vielen Dank fürs Verlinken! Den Beitrag in der Community vom freitag fand ich persönlich zu polemisch & seinerseits auf Effekt kalkuliert.

    1. Ich danke! 🙂 Deine Einschätzung zur Replik von Kemper teile ich. Dennoch schien mir die Auseinandersetzung zwischen ihm und von Rönne erwähnenswert, nicht zuletzt wegen der medialen Aufmerksamkeit, die sie erhalten hat.

    1. Hui, das ist wirklich furchtbar: Hoffentlich muss von Rönne nicht noch mehr persönliche Angriffe erleiden!
      Da ist ja wahrlich eine richtige Schlammschlacht im Gange. Leider reiht sich Don Alphonso m. E. recht gut ein. Ich finde seinen Beitrag auch problematisch. (Ich muss es etwas stärker als du, Nona, ausdrücken.) Schade!
      Hier in der SZ ist ein Artikel, in dem die jüngeren Entwicklungen sachlicher darlegt werden: http://www.sueddeutsche.de/medien/debatte-ueber-ronja-von-roenne-beifall-von-der-falschen-seite-1.2501079

  3. Guter Nachtrag, danke!

    Mal was Technisches: Wenn ich hier nicht gelegentlich aus Neugier vorbeischauen würde, bekäme ich nichts an updates mit: leider gibt es hier keine Möglichkeit, über Antworten auf Kommentare etc. informiert zu werden. Das macht es schwer, an den Unterhaltungen dranzubleiben.

  4. Auch klug: „Die sozialen Medien als das Vorbewusste vermitteln die Bereiche Öffentlichkeit und Privatheit in einer Geschwindigkeit, die dazu führt, dass die gesellschaftlichen Tabus immer schneller an die Oberfläche kommen, die erschreckenden aber auch die emanzipativen. Der Streit um den Feminismus ist ein Lehrstück dazu. So unschön von Rönnes Meinung ist, die berechtigte Wut darauf darf sich nicht in einer aggressiven Gegenübertragung äußern, sondern sollte klug und reflektiert debattiert werden. Eine Gesellschaft darf sich ihrer rechten Tendenzen und heimlichen unliebsamen Einstellungen nicht verschließen und diese tabuisieren, sondern muss mit ihnen umgehen und in einem reflexiven Prozess verarbeiten. Aber sie muss auch rechte Meinungen und Einstellungen als solche enttarnen dürfen. Nur so lässt es sich verhindern, dass rechte Gedanken sich in der öffentlichen Meinung nachhaltig festsetzen können.“

    https://www.freitag.de/autoren/jwh/meinungen-als-trojanische-pferde

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