Aus aktuellem Anlass: Thomalla und die Misogynie bei Frauen

Nach der Kritik aus feministischen Reihen an der „hart aber fair“-Folge vom 2. März verteidigte sich Sophia Thomalla, Talkgast der entsprechenden Sendung, gegenüber der BILD-Zeitung mit der folgenden Äußerung: „Ich als Frau soll frauenfeindlich sein? Immer wieder erstaunlich, was Frauen sich so einfallen lassen, um Frauen vor so Frauen wie mir zu beschützen. […]“

Wie schön Thomalla doch hier mit Worten kokettiert! „Ich als Frau soll gegen Gleichberechtigung sein?“, hätte wohl nicht ganz so absurd geklungen wie die gewählten Worte. Aber lassen wir das einmal beiseite. Auch wenn es paradox klingen mag und dies möglicherweise auch nicht Thomallas dringlichstes Problem ist: Das Phänomen des Frauenhasses, der Misogynie, kann es durchaus auch bei Frauen geben. Und das ist wahrlich keine seltsame Erfindung von Frauen für Frauen.

Misogynie oder Antifeminismus

Dass Frauen gegen Gleichberechtigung sein können, dass sie nicht nur Opfer von Sexismus sind, sondern oftmals auch als Sexismus-Täterinnen auftreten, ist vielleicht nicht jedem bekannt. Nichtsdestoweniger handelt es sich dabei um einigermaßen etablierte Wissensbestände. Und dieses Wissen haben wir nicht erst seit Eva Hermans Ausführungen, wonach Frauen aus quasi-biologischen Gründen wieder an den heimischen Herd zurückkehren sollten.

Wer Frauen hasst, wird wohl kaum für Gleichberechtigung eintreten. Umgekehrt scheint sich aber eine Person, die gegen Gleichberechtigung der Geschlechter ist, nicht gleich der Misogynie schuldig zu machen. Der klassische Gentleman beispielsweise ist zwar nicht gerade ein Verfechter von Gleichberechtigung der Geschlechter, er reproduziert schließlich immer wieder Geschlechterstereotype, aber dennoch kann man ihm durchaus Glauben schenken, wenn er bekundet, Frauen zu lieben oder gar zu verherrlichen. Frauenhass äußerst sich hingegen in Antipathie bis hin zur Verachtung von Frauen, im allgemeinen Misstrauen gegenüber Frauen oder in einer regelrechten Scheu vor Frauen und dem, was mit Weiblichkeit identifiziert wird.

Misogynie hat eine lange Tradition

Die Geschichte der europäischen Misogynie ist lang. Die Frau wurde dabei zumeist als Projektionsfläche männlicher Ängste, aber auch Wünsche benutzt. Schon in der griechischen Mythologie ist es eine Frau, Pandora, die die Büchse allen Übels besitzt (so lautet es zumindest in einer Überlieferung) und diese schließlich öffnet. Die Nähe dieser Pandora-Erzählung zur biblischen Schöpfungsgeschichte, wonach Eva und ihre verführenden Worte zu Adam dafür verantwortlich seien, dass die Menschen nicht mehr im Paradies leben dürfen, wird dabei keineswegs als Zufall betrachtet.

BnF Ms Fr. 28, Cité des Dieux Fol. 33, Péché originel
Maître de l’Échevinage de Rouen (BnF Manuscrit Français 28, Cité des Dieux) [Public domain], via Wikimedia Commons
Frauen wurde also die Schuld daran gegeben, dass Menschen auf der Welt leiden müssen. Die Darstellung der weiblichen Sexualität lässt sich größtenteils auf männliche Wünsche oder Ängste zurückführen. Entsprechend wurden Frauen zumeist entweder als sexuell unersättlich präsentiert (Nymphomaninnen) oder als engelsgleich ohne Sexualität (Maria). Nicht selten wurde daher das sexuelle Verlangen der Frau als Ausgeburt des Teufels betrachtet, welches vor allem der Verführung des Mannes diente. Frauen wurden die meiste Zeit unserer Kulturgeschichte als minderwertige Wesen betrachtet, die aufgrund ihrer mangelnden geistigen Kräfte hinter dem Manne zurücktreten müssten. Die Aufgabe der Frau war es, dem Manne zu gefallen und ihm zu einem guten Leben zu verhelfen. Dies gelang ihr – wer hätte es gedacht – vor allem mit einer ausgesprochenen Schönheit, Gehorsam und vielen gesunden (männlichen) Nachkommen.

Misogynie ist kein Relikt der Vergangenheit

Die schmähende Perspektive auf Frauen, insbesondere auf diejenigen, die sich als eigenständige Persönlichkeiten mit sexuellen Bedürfnissen verstehen, kann dabei leider keineswegs als Relikt der Vergangenheit betrachtet werden. Unsere Kultur ist durchdrungen von frauenfeindlichen Haltungen. Das manifestiert sich nicht nur in so augenfälligen Phänomenen wie frauenfeindlicher Pornographie und ihrem Absatz auf dem Markt. Es manifestiert sich auch im Kleinen. So sind die Auswirkungen der tradierten Misogynie auch beispielsweise beim Schimpfwort Schlampe ersichtlich, das sich auch heute noch viele Frauen anhören müssen, die ihr Sexualleben nicht nach den prüden Maßgaben der althergebrachten Tradition ausrichten wollen.

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Bernardino Luini, c. 1480 – 1532, Italy Milanese school (Museum of Fine Arts, Budapest) [Public domain], via Wikimedia Commons
Frauen, so lehrt uns schließlich schon die Bibel, seien nur dann gut, wenn sie schön und jungfräulich sind (der Ausdruck „unbefleckt“ sagt hier schon Einiges).

Nun sind es nicht nur Männer, die diese Geschichten verinnerlicht haben. Auch in uns Frauen ist die Mär der verderbten Frau, deren bestes Schicksal in der Beglückung eines Mannes liege, tief verankert. Viele Frauen leben entsprechend nicht nur selbst nach diesen Maßgaben, sie schauen auch verachtend auf andere Frauen herab, wenn diese es ihnen nicht gleichtun.

Frauen unter Frauen: Selbsthass und Verachtung ist keine Seltenheit

Ob es einen ausgeprägten psychopathologischen Frauenhass bei Frauen gibt, konnte ich leider nicht herausfinden. Es würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn es ihn gäbe. Definitiv sind jedenfalls die alltäglichen und fast normal erscheinenden Auswirkungen der tradierten Misogynie bei Frauen und unter Frauen erkennbar. Ich will einige Beispiele nennen: Viele Frauen leiden nach einer Vergewaltigung an starken Selbstzweifeln und suchen die Schuld vor allem bei sich selbst. Frauen haben viel häufiger Probleme, ihren eigenen Körper zu akzeptieren, als Männer dies haben, – sie ruinieren sich und ihr Leben viel häufiger mit Bulimie und Magersucht, weil sie den Schönheitsidealen (vermeintlich) nicht gerecht werden. Frauen schauen auch oftmals äußerst missbilligend auf andere Frauen, die den gängigen Schönheitsidealen nicht entsprechen. Selbst Frauen sind nicht gefeit davor, unbewusst anzunehmen, (andere) Frauen seien weniger intelligent als Männer. Frauen, die ihre eigene Sexualität ausleben möchten oder sich nicht dem Wahnsinn hingeben möchten, immer schön zu sein, denen es auch einmal egal ist, ob sie attraktiv gefunden werden, werden nicht etwa regelmäßig von anderen Frauen toleriert oder gar für ihre Haltung bewundert, sondern vielmehr für ihre Selbstbestimmtheit und Freizügigkeit verachtet. Auch Frauen bedienen sich gegenüber anderen Frauen misogyner Rhetorik. Auch Frauen messen die Sexualität, die Schönheit oder Intelligenz von Frauen und Männern mit zweierlei Maß und machen es sich selbst und anderen Frauen damit schwer.

Liebe Frau Thomalla, ich habe die zur Debatte stehende Sendung nicht gesehen – nur die ersten zwei Minuten, denn mehr wollte und konnte ich nicht ertragen. Jedenfalls können Sie als Frau definitiv frauenfeindlich sein, und das ist weder paradox noch lustig.
 
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