So sollte man nicht reden!?

Gendergerechte Sprache Teil II

Heute werde ich zunächst einmal darlegen, was das generische Maskulinum ist und warum es als problematisch erachtet wird. Im nächsten Beitrag werde ich dann auf die verschiedenen feministischen Sprachänderungsvorschläge näher eingehen und diese bewerten.

So sollte man nicht reden!

Natürlich weiß jede(r), dass in diesem Satz alle Menschen angesprochen sind und nicht bloß Männer. Sonst hätte es ja heißen müssen:

So sollten Männer nicht reden!

Trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Ähnlichkeit der spezifischen Geschlechtsbezeichnung Mann zu dem Indefinitpronomen man weder neutral noch Zufall ist.

Dabei ist allerdings nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, das unbestimmte Indefinitpronomen man von der Geschlechtsbezeichnung Mann abgeleitet. Vielmehr geht der Ursprung des Indefinitpronomens man auf das Indogermanische *manu- zurück, was Mensch, aber wohl auch Mann bedeutete. Das Wort *manu- geht vielleicht auf *men(ə) zurück, was soviel bedeutete wie denken.¹ Möglicherweise war also bereits das denkende Wesen einerseits der Mensch im Allgemeinen, andererseits der Mann im Besonderen. Wenn dies so war, dann könnte man schon im Indogermanischen einen Fall des sogenannten generischen Maskulinums ausmachen.² Definitiv finden wir das generische Maskulinum jedenfalls heutzutage in unserer Sprache vor. Dieses ist vielen Feministen schon seit einiger Zeit ein Dorn im Auge, denn es macht Frauen sprachlich unsichtbar und verlangt den Frauen ab, ständig nachdenken zu müssen, ob sie gerade mitgemeint sind oder nicht.

Das generische Maskulinum ist ein Problem

Das Deutsche weist zahlreiche Fälle auf, bei denen ein und derselbe Ausdruck entweder eine männliche Person oder Personengruppe bezeichnen kann (z. B. Die (männlichen) Räuber, Freibeuter, Feministen) oder eine geschlechtlich unbestimmte Gruppe (Räuber, Freibeuter, Feministen). Wenn also von den Räubern, die immer XY tun, die Rede ist, kann damit einerseits eine (spezifische) Gruppe männlicher Räuber gemeint sein, aber auch eine Gruppe gemischtgeschlechtlicher Räuber. Wird also eine Gruppe von Personen angesprochen, so müssen alle nicht-männlichen Personen aus dem Kontext erschließen, ob sie gerade mitgemeint sind oder nicht. Ist der Kontext dahingehend nicht eindeutig, dann müssen sie es erfragen oder es bleibt eben unklar. Umgekehrt besteht das Problem freilich nicht. Männer wissen immer, ob sie gerade angesprochen sind, denn wenn eine Gruppe ausschließlich weiblich ist, wird das sprachlich markiert: Es ist dann von den Räuberinnen, Freibeuterinnen oder Feministinnen die Rede.

Das generische Maskulinum gibt es ebenfalls im Singular. Wenn beispielsweise von dem Räuber gesprochen wird, der dieses oder jenes tue, dann kann damit entweder der Räuber im Allgemeinen (männlich, weiblich oder nichts von beidem) gemeint sein oder der Räuber männlichen Geschlechts. Ist hingegen von der Räuberin die Rede, braucht sich ganz sicher kein Mann angesprochen fühlen.

weibliche Personen männliche Personen alle (Oberbegriff)
Pl. die Räuberinnen die Räuber die Räuber
Sg. die Räuberin der Räuber der Räuber

Welche Konsequenzen das generische Maskulinum hat, wurde mittlerweile in zahlreichen Studien überprüft. Wenig überraschend konnte gezeigt werden, dass das mit dem Mitgemeintsein nicht-männlicher Personen nicht besonders gut funktioniert: Es kostet uns eine extra Denkleistung, uns daran zu erinnern, dass ja möglicherweise nicht nur Männer gemeint sind. Wir denken also immer zuerst an einen Mann, auch wenn wir mit dem Oberbegriff konfrontiert werden. Klar, denn damit liegen wir garantiert richtig (ein schöner Test dazu findet sich in diesem Ratgeber von der Uni Potsdam in pdf auf Seite 7 )

Die Probleme sind nicht gleichrangig

Obwohl das Pronomen man zurecht an Mann erinnert, wir jeder sagen und nicht jede, wenn jede einzelne Person gemeint ist, ist in Sätzen mit diesen Indefinitpronomen immer unmissverständlich klar, wer gemeint ist:

Jeder ist hier angesprochen.

Wollte man tatsächlich nur die männlichen Personen ansprechen, so würde man wohl sagen müssen: Jeder Mann ist…oder …alle Männer sind hier angesprochen.

Auch bei Sätzen wie dem folgenden muss keine nicht-männliche Person überlegen, ob sie mitgemeint ist:

Man kann das gar nicht missverstehen. 

Denn man ist eben nur (noch) Indefinitpronomen; es hat keine weitere Bedeutung und kann im Sprachkontext auch nicht so verwendet werden wie das gleichlautende Wort Mann. Nichtsdestoweniger wird in vielen Ratgebern zur gendergerechten Sprache nahegelegt, die Indefinitpronomen man und jeder zu vermeiden und lieber von allen, uns o. Ä. zu sprechen.

Der Umgang mit dem generischen Maskulinum

Das generische Maskulinum Singular lässt sich recht leicht umgehen, indem man einfach auf die Pluralform ausweicht: Statt von dem Räuber im Allgemeinen zu sprechen, lässt sich schließlich ebenso gut von den Räubern im Allgemeinen reden. Aber spätestens hier besteht die eben erwähnte Schwierigkeit des (unklaren) Mitgemeintseins nicht-männlicher Personen. Seit den 70ern diskutieren Feministen in Deutschland deshalb darüber, wie sich diese generischen Maskulina vermeiden ließen. Viele verschiedene Varianten wurden seitdem vorgeschlagen. Die explizite zusätzliche Nennung der weiblichen Form (Räuber und Räuberinnen), die ja auch die Sprachtradition bereits als Option vorsieht, ist dabei nur wenig beliebt; sie ist nun einmal recht lang. Kürzere Optionen wurden deshalb ersonnen wie beispielsweise die Schrägstrich- oder Klammervarianten oder auch das Binnen-I (die Klammervariante wird aber heutzutage für gewöhnlich nicht mehr empfohlen, weil auch sie die männliche Form als Standard setze).

Wir suchen Räuber/-innen oder …Räuber(innen); …Räuber (m/w), RäuberInnen

In jüngerer Zeit kamen Varianten mit Sonderzeichen hinzu. Sie sollen auch denjenigen gerecht werden, die sich weder als männlich noch als weiblich verstehen. Das jeweilige Sonderzeichen soll nämlich für Personen stehen, die sich nicht als männlich oder weiblich einordnen lassen oder wollen.

Räuber_innen, Räuber*innen

Sofern dies möglich ist, wird auch nahegelegt, geschlechtsneutrale Pluralbildungen zu verwenden:

Studierende, Lehrende

oder Umformulierungen wie Lehrkraft, Lehrpersonal oder Räuberbande zu benutzen.

Wenn man von den zwei letzten Vorschlägen absieht, haben alle Optionen gemeinsam, dass sie nur in der Schriftsprache sichtbar sind. In der mündlichen Rede muss daher dennoch auf die Doppelnennung zurückgegriffen werden, wenn keine geschlechtsneutrale Pluralbildung möglich ist und es keine passable Umformulierung gibt.

¹Einer anderen Theorie zufolge geht die Wurzel auf *men- (emporragen) zurück: Demnach ist der Mensch/Mann das aufrechte Wesen.

²Dass es sich dabei um einen Fall des generischen Maskulinums handeln könnte, habe ich nirgendwo gelesen, sondern mir aus den verfügbaren Informationen hergeleitet: Wenn das Wort *manu- sowohl Mensch als auch Mann bedeutete, dann müssten wir einen solchen Fall vorliegen haben. Aber es ist ja durchaus möglich, dass es so nicht verwendet werden konnte. Also: Liebe Sprachwissenschaftler*innen _innen Innen: Wisst Ihr mehr? Darf man das als ersten Fall eines generischen Maskulinums betrachten?

Siehe auch:

Flattr this

3 Gedanken zu „So sollte man nicht reden!?

  1. Spannend! Falls es nicht zuviel Mühe bereiten sollte, wäre es natürlich schön zu wissen, aus welchen Quellen die sprachwissenschaftlichen Informationen und Überlegungen stammen. Zumal da ja Herkunft und Bedeutung des generischen Maskulinum auch in der Linguistik (bzw. unter Linguistinnen und Linguisten) umstritten sein dürften.

    1. Liebe Nona, ich habe das jetzt vorsichtiger formuliert. Dass die indogerm. Bezeichnung für Mensch und Mann ein generisches Maskulinum sein müsste bzw. könnte, habe ich selbst erschlossen. Aber ich sehe ein, dass ich da vorsichtig sein muss, da ich ja gar keine Ahnung habe, wie diese Begriffe de facto verwendet wurden. Es gab wohl noch einen anderen Begriff für Mann: *uei- (germ. *wera-, *weraz, ahd. wer*), was mit nhd. Mann, nhd. Ehemann/Gatte in Verbindung gebracht wird. Ich habe auch dazu leider nichts gefunden, was diese Fragen abschließend klären könnte. Überhaupt scheint sich die Forschung mit Blick auf die Geschichte des generischen Maskulinums ziemlich uneinig zu sein, wie du es ja bereits vermutet hast. Lesen sollte man dazu wohl einmal diesen Aufsatz von Irmer und Steiger: Zur Geschichte des generischen Maskulinums. Das habe ich allerdings noch nicht getan. Zur Geschichte des generischen Maskulinums im Deutschen gibt es hier auch einen interessanten Beitrag von Ursula Doleschal. Doleschal beschäftigt sich aber eben nur mit dem Deutschen. Für die hier vorliegenden Fragen geht der Artikel also nicht weit genug.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.