Schlumpfine aus der Tüte

Schlumpfine _Bildrechte_AnneWirklich gut an Schlumpfine ist aus feministischer Sicht wohl nur eines. Sie hat einem häufig anzutreffenden sexistischen Phänomen einen griffigen Namen verliehen: dem Schlumpfine-Prinzip. Das im Englischen sogenannte Smurfette-Principle beschrieb Katha Pollitt erstmals 1991 in der New York Times. Es bezeichnet die wiederkehrende Trope in Geschichten, insbesondere im Film- und Fernsehbereich, bei der abgesehen von einer einzelnen weiblichen Figur (für gewöhnlich äußerst stereotyp dargestellt) alle wichtigen Charaktere männlich sind, so dass es dem aufmerksamen Zuschauer fast so scheinen muss, als würden die meisten Geschichten aus Film und Fernsehen in einer Art Schlumpfenreich spielen, wo es genau ein weibliches Wesen unter Hunderten oder gar Abertausenden von Männern gibt. Durch solche Geschichten wird das Männliche als Norm, das Weibliche als Abweichung von der Norm gesetzt.

Schlumpfine im Schlumpfenreich

Schlumpfine, so wissen eingefleischte Schlumpffans, wurde von dem Antagonisten der Schlümpfe, dem durch und durch bösen Alchemisten Gargamel erschaffen, um Zwietracht unter den Schlümpfen zu säen und sie damit ins Verderben zu treiben (was wohl nicht ganz zufällig an Pandora erinnert, die ja auch nur zum Verderben der Männermenschheit erschaffen wurde). Dank Papa Schlumpf (in den Comics heißt er „Großer Schlumpf“) misslang dieser durchtriebene Plan des Zauberers und so wurde aus der bösen Schlumpfine mit kurzem struppigen dunklem Haar und dicker Nase (Ja, im Gegensatz zur Pandora ist die Originalschlumpfine ziemlich hässlich, aber die Schlümpfe kennen ja auch offenbar kein sexuelles Begehren) eine gute Schlumpfgesellin, nunmehr mit blonder Mähne, kleiner Nase und Schuhen mit Absatz. Während alle anderen Schlümpfe in übertriebener Weise die verschiedenen Ausprägungen menschlicher Charaktere darstellen (z. B. der Ungeschickte, der Schlaumeier, der Weise, der Eitle, der Künstler, der Griesgram oder der Narr), ist die Schlumpfine nur eines: die Repräsentation der Frau. Das bedeutet konkret: Sie ist hübsch, eitel, zickig und eine ausgesprochene Heulsuse. Zudem freut sie sich immer über Blumen.

Das Geschlecht der Schlümpfe vor und nach Schlumpfine

Nimmt man einmal Papa Schlumpf aus, dessen Bartwuchs ja recht explizit darauf hindeutet, dass es sich bei ihm um ein mannähnliches Wesen handeln soll, hätte man ohne die Existenz von Schlumpfine womöglich noch argumentieren können, die restlichen Schlümpfe seien eher geschlechtslos als mannähnlich. Der Große SchlumpfObschon das fehlende Brustkleid der Schlümpfe einen Anhaltspunkt dafür geben könnte, dass auch sie nach männlichem Vorbild entstanden sind, gab es ja vor Schlumpfine keine weiteren Hinweise auf eine irgendwie geartete Geschlechtlichkeit der Schlümpfe. Erst der mit allen klischierten Attributen einer stereotypen attraktiven europäischen Frau (von der Hautfarbe sehen wir selbstverständlich ab) ausgestattete weibliche Schlumpf, machte schließlich manifest, was vorher nur zu erahnen war: Die Schlumpfenwelt war durch und durch männlich. Sie war ein wahrer Männertraum, denn Frauen wurden dort ganz und gar nicht benötigt. Keine Sünde weit und breit. Und nur durch bösen Zauber kam diese Abnorm „Frau“ in ihre Welt, und nur durch Mannesweisheit und -gnade ward ihr überhaupt eine Existenz als gutes Wesen zuteil. Ja, bevor Schlumpfine durch den niederträchtigen Gargamel in die Welt der Schlümpfe kam, gab es anscheinend insgesamt nur männliche Wesen in dieser seltsamen Comicwelt. Denn selbst der Zauberer und sein Gehilfe, der Kater Azrael, sind als männlich zu begreifen. Während es bei Gargamel offensichtlich keine Frage ist, ob er einen Mann darstellen soll, mag man dies bei Azrael auf den ersten Blick noch bezweifeln wollen, schließlich wird er im Deutschen zumeist als Katze bezeichnet. Dass es sich selbst bei der Katze um eine männliche handelt, lässt sich dann aber doch am Namen Azrael (zu deutsch: der Engel des Todes) erkennen. Wie all diese männlichen Wesen in diese Welt kamen und wie in der Schlumpfnatur Fortpflanzungsvorgänge zu denken sind, haben uns die Macher der Comics bislang vorenthalten. Vielleicht beruht das ja alles auf der sagenhaften Idee eines Schlumpfmetheus.

Und heute?

Wer denkt, heutzutage sei es bestimmt viel besser um die Schlumpfcomics und ihrem Sexismus bestellt, muss enttäuscht werden. Seit 1998 gibt es immerhin einen weiteren weiblichen Schlumpf in den Comics: Sassette. Sassette2

Mit dem weiblichen Neuzuwachs im Dorf der blauen Minikobolde verschwindet aber keineswegs die sehr einseitige und tendenziell misogyne Perspektive. Sassette wird deshalb erschaffen, weil einige Schlümpfe plötzlich Mitleid mit ihrer einsamen Frau bekommen haben. So haben sie sich aufgemacht, um der Schlumpfine mit Hilfe von Gargamels Zauberkraft ein weiteres weibliches Wesen zur Seite zu stellen. Zur Frau hat die Zauberkraft dann aber offenbar nicht gelangt und so ist die neue Schlumpfine gerade einmal zwölf Jahre alt, was im Schlumpfenreich wirklich sehr jung sein muss, der Große Schlumpf zählt immerhin mindestens 542 Jahre. Nichtsdestoweniger wirkt Sassette wie ein vorpubertäres Mädchen. Aber nicht etwa aufgrund ihres Alters trägt die niedliche Sassette keine sexy Kleidchen und ist nicht den ganzen Tag mit ihrer Schönheit, Haushalt und Blümchen beschäftigt, sondern weil sie einen sogenannten Tomboy darstellen soll (was ich, ehrlich gesagt, niemals erkannt hätte. Das habe ich so gelesen!). Warum das Mädchen zwei süße Zöpfchen trägt und ihr Strampelanzug bzw. ihre Latzhose dennoch ausgerechnet die klischierte Mädchenfarbe Nummer eins Rosa hat, werden wir wohl niemals erfahren.

Die Fernsehserie wurde sogar um einen weiteren weiblichen Schlumpf (Oma Schlumpf) und um eine böse Hexe (Hogatha) ergänzt. Konsequenterweise müsste es nun wohl noch eine Mutter Schlumpf geben, damit wir die Reihe der typisch weiblichen Charaktere vervollständigen können. Mutmaßlich wird es die Mutter Schlumpf aber niemals geben, denn das Konzept der gebährfreien Mütterlichkeit ohne Stiefmütterlichkeit wäre wahrlich zu progressiv für das Schlumpfenreich. Der Name „Oma Schlumpf“ sollte zudem auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese sogenannte Oma möglicherweise keine wirkliche ist (ihre Herkunft ist nämlich unbekannt). Zunächst einmal fungiert die zu rettende reifere Frau als Trophäe für den Opa Schlumpf, später ist sie vor allem eine Art Nanny (und wird auch häufig so genannt).

Im letzten Kinofilm (Die Schlümpfe 2) wurde ein neuer weiblicher Schlumpf ins Schlumpfenreich eingeführt, der auch das Werk des bösen Zauberers ist: Zicki (manchmal auch Zickie oder Zicky geschrieben) wird das neue weibliche Wesen in der deutschen Version genannt (im Englischen trägt sie immerhin keinen sexistischen Namen, dort heißt sie Vexy). Sie wird als Schwester der Schlumpfine gehandelt und gilt als klüger, als wir es bislang von den weiblichen Schlümpfen gewohnt waren. Wie ihr Name schon sagt, ist sie allerdings, wie einstmals die böse Schlumpfine, von nicht zweifelsfreiem Charakter. Wer jetzt denkt: „Na wenigstens hat es die Schlumpfgeschichte im Jahre 2013 auf vier weibliche Schlümpfe gebracht!“ der täuscht sich. Die Oma und Sassette sind zugunsten der neuen Zicki verschwunden. Auch die Hexe ward nicht mehr gesehen. So scheint wohl auch im Jahre 2013 ein Schlumpfkinderfilm nicht mehr als zwei weibliche Charaktere zu verkraften.

Nichts Neues, aber…

Das alles ist den Feministen altbekannt. Der letzte Schlumpfkinofilm liegt nun auch schon mehr als zwei Jahre zurück. Zudem war der Film auch unabhängig von feministischen Gesichtspunkten wahrlich kein Vergnügen. Wieso also schreibe ich hier und heute darüber?

  1. Damit ich auf dieses zwar nicht mehr ganz neue, aber nichtsdestoweniger äußerst gelungene Youtube-Video zum Smurfette-Principle von Anita Sarkeesian hinweisen kann.
  2. Hariboschluempfe-jetzt-neu-mit-Schlumpfine_Bildrechte_Anne-BonnyWeil ich – zugegebenermaßen etwas spät – unbedingt noch die folgende
    (halbernstgemeinte) Warnung verlautbaren wollte: Finger weg von diesen Gummischlümpfen!
    Seit letztem Sommer gibt es die (nun auch nicht mehr ganz) neuen Schlumpfgummibärchen von Haribo. Sie wurden mitunter sogar als feministisch angepriesen, weil nun das Gummischlumpfenreich aus der Tüte um Schlumpfine bereichert wurde. Immerhin: Es gibt nicht nur eine Schlumpfine in der Tüte, sondern viele. Schmecken tun sie trotzdem nicht!

 

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Bildquelle Sassette: smurfs.wikia.com

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