Geschlechtergerechte Sprache und Elitarismus

schemenhaft erkennbare Graduierte in Graduiertenrobe

Gendergerechte Sprache Teil V

Häufig, wenn die Befürworter der Sprachneuerungen zur Vermeidung des genererischen Maskulinums darlegen, was sich den dafür vorgeschlagenen Sprachvariationen entgegenhalten lasse, bringen sie zwei Punkte vor: 1. Werde das Deutsche durch die neuen Symbole unleserlicher. 2. Bräuchten wir keine neuen Sprachformen, da ja unsere Sprache bereits allen Geschlechtern gerecht werde (Frauen seien doch beim generischen Maskulinum mitgemeint und das genüge vollkommen). Als Entgegnung auf diese Hinweise werden dann von den Befürworten Studien zitiert, die diese Behauptungen widerlegen. Selbst wenn kein einziger Gegner der Sprachneuerungen zur Vermeidung des generischen Maskulinums weitere und bessere Argumente vorgebracht hätte, wäre es der Sache nur angemessen, wenn sich Befürworter entsprechender Änderungen unserer Sprache ernsthafter überlegen würden, was prinzipiell gegen diese sprechen könnte (siehe auch das Prinzip der wohlwollenden Interpretation), nicht zuletzt weil es niemanden weiterbringt, wenn die Gräben zwischen Befürwortern und Gegnern immer tiefer werden.

Gestern so, heute anders, morgen…

Man könnte, so meine ich, den Gegnern der vorgeschlagenen Sprachänderungen zugunsten einer geschlechtergerechteren Sprache zumindest zugestehen, dass der Versuch, einen Ersatz für das generische Maskulinum zu implementieren, bisher alles andere als beispielhaft verlaufen ist. So kann man es mittlerweile einem unbedarften Sprecher kaum noch übel nehmen, wenn er den Eindruck hat, es lohne sich nicht, sich eine der neuen Sprachformen anzueignen. Denn vielleicht ist man ja schon morgen mit diesen Sprachformen nicht mehr up to date, schlimmstenfalls muss man sich dann sogar noch irgendwelchen Angriffen ausgesetzt sehen, wie problematisch die Sprache sei, die man da verwende. Wer sich beispielsweise vor 15 Jahren davon überzeugen ließ, dass es besser sei, Jobangebote mit Klammern auszuschreiben [Wir suchen Lehrer(innen)], anstatt einfach nur die allgemeine/männliche Form zu benutzen [Wir suchen Lehrer], weil man Frauen so sprachlich sichtbar machen könne, muss sich nun heutzutage dennoch den Vorwurf einheimsen, nicht geschlechtergerecht zu schreiben. Die ständigen Neuerungen verlangen den Sprechern ab, sich permanent auf dem Laufenden zu halten, sich am besten bevor sie etwas öffentlich schreiben, noch einmal zu vergewissern, ob sich da nicht im letzten Jahr noch Änderungen ergeben haben; vielleicht sollten sie auch noch überprüfen, ob sie die Begründungen für die jeweiligen Neuerungen nachvollziehen können, nicht dass man am Ende noch eine Neuerung mitgegangen ist, für die man sich dann im Zweifel nicht rechtfertigen kann. Die stetig wechselnden Forderungen nach immer neuen Sprachformen hinterlassen den Eindruck, als hätten manche vergessen, dass es Menschen gibt, deren Lebensinhalt nicht in der intellektuellen Auseinandersetzung mit Sprache oder Feminismus besteht, die nicht studiert haben, und für die ihre Muttersprache nur selten Objekt ihrer Überlegungen ist, sondern zumeist nur Mittel, um ihre Überlegungen mitzuteilen. Es scheint, als hätten viele Befürworter der Sprachänderungen nur selten berücksichtigt, dass Menschen so etwas wie eine Sprachheimat brauchen, auf die sie sich verlassen können. Ich will und kann hier zwar nicht genau bestimmen, was es im Detail bedeutet, eine verlässliches sprachliches Zuhause zu haben, aber das beständige Herumdoktern an den Flexionsregeln einer Sprache ist definitiv etwas, was dieses Zuhause sein in der eigenen Sprache bedrohen kann. Denn dabei stehen nicht, wie bei anderen sprachkritischen Überlegungen, die mit den Worten ausgedrückten Inhalte im Fokus der Kritik, sondern die Form selbst. Während sich über Inhalte diskutieren lässt, bildet eine verbindliche Form der Sprache die Grundlage gelungener Kommunikation. Inwieweit bestimmte Änderungen der Grundregeln einer Sprache als Bedrohung empfunden werden, ist, möglicherweise auch abhängig davon, wie intensiv man sich mit Sprache befasst. Je weniger man dies tut, desto eher wird man sich vielleicht seiner Sprachheimat beraubt, sich durch massive Sprachänderungen ausgegrenzt und als Spielball anderer fühlen.

„Sprachheimat“, Ausgrenzung und Rechtschreibreformen

Die deutsche Debatte um geschlechtergerechte Sprache hinterlässt leider den bitteren Beigeschmack, ziemlich elitär zu sein. Dass die ständigen Neuerungen, neu erdachten Sprachvariationen viele Sprecher überfordern und auch ärgern, ist für mich zumindest ziemlich einsichtig. Gehäufte Sprachänderungen verunsichern und ärgern ja selbst Menschen, die sich sehr viel mit Sprache auseinandersetzen; bestes Beispiel sind die Rechtschreibreformen: Wie viele Schwierigkeiten haben uns die Rechtschreibreformen seit 1996 bereitet, wie viele von uns kommen bis heute in Verlegenheit, wenn es um Groß- oder Klein-, Zusammen- oder Getrenntschreibung geht? Klar, es waren ja auch sehr viele Regeln, die man da neu erlernen musste, bei den feministischen Sprachänderungen handelt es sich ja zumeist nur um eine, die alle paar Jahre aufkommt. Das könne man den Sprechern noch abverlangen, könnte man deshalb argumentieren. Allerdings sind es mittlerweile sehr viele verschiedene Formen, die da miteinander konkurrieren. Man muss fast den ganzen Diskurs um geschlechtergerechte Sprache verfolgen und verstehen, um sich zwischen Gender Gap, Sternchen Binnen-Is, Klammer- oder Schrägsstrichschreibung, Sprachtradition u. a. positionieren zu können. Menschen, die sich nicht viel mit dem Thema geschlechtergerechte Sprache befassen und befassen wollen, können sich bei den vielen immer wieder neuen Variationen ja kaum noch sprachlich äußern, ohne sich sorgen zu müssen, dass sie sich vor anderen blamieren oder gar noch Vorwürfe erhalten, sie seien sexistisch. Daher sollten nicht nur Rechtschreibreformen mit großer Sorgfalt gestartet werden, sondern natürlich auch Forderungen nach Grammatikänderungen im Sinne einer geschlechtergerechteren Sprache. Andernfalls kommen viele Menschen schlicht nicht mehr mit und sind mit recht frustriert und verunsichert. Insbesondere aber sollte man aufpassen, dass nicht jedem Menschen, der da nicht mitmacht, der Sprache nach Tradition oder gemäß älteren feministischen Sprachforderungen verwendet, unterstellt wird, er habe problematische Positionen.

Das soll nun nicht bedeuten, dass uns unsere von mir sogenannte Sprachheimat über alles gehen muss. So wie sich aber viele Befürworter von Sprachneuerungen in der Vergangenheit verhalten haben, hat man den Eindruck, ihnen fehle der Respekt davor, dass Menschen eine solche Sprachheimat überhaupt brauchen. Das Gesagte spricht natürlich nicht grundsätzlich gegen Änderungen im Sinne der geschlechtergerechten Sprache, aber es sollte uns zumindest ermahnen, einen besonnenen Umgang mit solchen Änderungswünschen zu pflegen.

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Bildrechte: The Graduates von Luftphilia auf flickr, CC BY 2.0

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