Männlich, weiblich oder sächlich?

Gendergerechte Sprache Teil I

Rest area

Die deutsche Sprache ist nicht gendergerecht: Das ist nicht erstaunlich, denn eine Gesellschaftsordnung und die zugehörigen Denkmuster können wohl kaum über die Jahrhunderte spurlos an der Sprache der jeweiligen Gesellschaft vorbeigehen. Im Deutschen haben wir dahingehend verschiedene Probleme zu verzeichnen: Eines davon ist, dass uns das Deutsche dazu zwingt, eine binäre Geschlechterordnung einzuhalten. Die deutsche Sprache kennt nämlich für erwachsene Personen nur zwei Geschlechter. Ein Erwachsener ist demnach entweder männlich (er) oder weiblich (sie). Viele Menschen lassen sich aber nicht in dieses binäre Geschlechtermodell pressen und wollen das auch gar nicht.

Weder männlich noch weiblich

Will ich über eine erwachsene Person sprechen, die ich nicht eindeutig einer der beiden Geschlechtskategorien zuordnen kann, so kommt mein Redefluss unweigerlich ins Stocken. Ich kann dieser Person schließlich kein Personalpronomen zuweisen. Denn was soll ich sagen? „Er“? „Sie“? „Es“? Ich muss dann auf Hilfskonstruktionen ausweichen, vielleicht zunächst einmal von „dem Menschen da drüben“ sprechen, damit ich danach (erleichtert) über „ihn“ (den Menschen) reden kann.
Noch problematischer verhält es sich, wenn ich diese Person direkt und höflich ansprechen möchte: „Herr? Frau? Äh?“ Ja genau: Was sag ich nun? Wie könnte ich so einen Menschen höflich anreden, wo mir doch nur Herr und Frau als Anrede zur Verfügung stehen? Menschen, die nicht eindeutig als weiblich oder männlich deklariert werden können, irritieren uns. Wir können ja nicht einmal ohne Schwierigkeiten über diese Menschen sprechen. Die eindeutige Geschlechtszuordnung von Menschen ist also allein aus sprachlichen Gründen für uns von immenser Bedeutung. Sie muss letztlich sofort erfolgen, nachdem wir entschieden haben, dass wir es überhaupt mit einer erwachsenen Person zu tun haben.

Die Bedeutung der Geschlechtszuordnung

Manche Menschen lassen sich nicht nur schlecht aus der Außenperspektive einem der beiden Geschlechter zurechnen, sie wollen oder können dies auch explizit selbst nicht. Vielleicht wird nun manch einer denken: „Warum entscheiden sich solche Menschen nicht einfach für eine Anrede oder stellen es den anderen frei, wie diese sie anreden? Sie müssen sich deshalb ja nicht gleich als Mann oder Frau fühlen.“ Zunächst einmal lässt sich darauf antworten, dass die Entscheidung für eine Geschlechtszuordnung in einer Gesellschaft, in der so viel daran hängt, welches Geschlecht man hat oder zugeschrieben bekommt, einer existentiellen Entscheidung gleichkommt. Zudem könnte eine solche Entscheidung sowieso nur in den Fällen helfen, in denen die Personen einander bekannt sind, und die eine die andere darüber aufklären kann. Bei der ersten Begegnung, bei der Rede über jemanden Drittes kann eine solche persönliche Entscheidung wohl kaum helfen, es sei denn die Transgenderperson* würde ihr äußeres Erscheinungsbild noch zusätzlich geschlechterstereotyp herrichten. Denn die Irritation entsteht ja zunächst einmal deshalb, weil andere einen nicht eindeutig als männlich oder weiblich kategorisieren können. Entsprechend erscheint es auch nicht erstaunlich, dass die meisten Menschen in unserer Gesellschaft so viel Wert darauf legen, schon aus weiter Ferne als Mann oder Frau erkannt zu werden. Selbst Kinder sind ja bereits äußerst erpicht darauf, zweifelsfrei als Junge oder Mädchen identifiziert zu werden. Da die körperlichen Merkmale bei Kindern dafür selten ausgeprägt genug sind, helfen ihnen dabei geschlechtsspezifische Moderegeln.

Sehr geehrtx Professx – ein Lösungsvorschlag mit Folgen

Der einzige mir bekannte Lösungsvorschlag für dieses deutsche Sprachproblem wurde letztes Jahr von Lann Hornscheidt unterbreitet. Das Motiv für diesen Vorschlag ist sehr persönlich, denn Hornscheidt fühlt sich selbst weder als Mann noch als Frau. Nicht nur an der Humboldt-Universität zu Berlin, wo Hornscheidt einen Lehrstuhl für Gender Studies innehat, führte dies zu Irritationen in der Anrede. „Sehr geehrte(r)? Prof. Hornscheidt“ Wie schreibt man beispielsweise einen Brief oder eine E-Mail an eine Lehrkraft, die sich nicht als männlich oder weiblich begreift? Hornscheidt unterbreitete daher den Vorschlag, neben der männlichen und der weiblichen Variante eine weitere Option einzuführen, bei der die grammatischen Geschlechtszuordnungen durch ein x ersetzt würden. In der Anrede für Hornscheidt würde es dann also „Sehr geehrtx Professx“ lauten. Aussprechen soll man dies mit einem i zwischen dem Wortstamm und dem x, also: „sehr geehrtix Professix“. Auch ein Personalpronomen wurde vorgeschlagen, nämlich einfach x. Ein Gespräch von Studierenden über Hornscheidt könnte entsprechend folgendermaßen lauten: „Kommst du mit zu Professx Hornscheidts Seminar? Ich finde ja x macht tollen Unterricht.“
Hornscheidt wollte wohl mit diesem Vorschlag vor allem eines: Die Menschen auf dieses Problem aufmerksam machen. Denn richtig „schön“ findet selbst Hornscheidt die x-Formen nicht, berichtet zumindest die FAZ. X hat entsprechend auch stets betont, offen für andere Vorschläge zu sein. Die meisten Deutschen aber zeigten sich weder offen gegenüber diesem noch irgendeinem anderen Vorschlag. Im Gegenteil: Hornscheidt musste übelste Anfeindungen über sich ergehen lassen, sogar die Entlassung des Lehrenden wurde gefordert, bloß weil x (er/sie/es) diese Schwierigkeit überhaupt angesprochen hatte. Viele Deutsche sind offenbar nicht einmal bereit, anzuerkennen, dass es dieses Problem gibt und dass Menschen ein Recht darauf haben, sich nicht einem der zwei Geschlechter zuzuordnen.

X ist auch keine Lösung

Ich finde es sehr gut, dass Hornscheidt auf dieses Problem unserer Sprache aufmerksam gemacht hat. Der Vorschlag eignet sich dennoch kaum zu mehr als zur Provokation. Man fragt sich auch, warum ausgerechnet das X gewählt wurde. Es fügt sich schließlich überhaupt nicht natürlich in den deutschen Sprachgebrauch ein, es irritiert uns eigentlich nur. X ist nicht die deutsche Version des schwedischen hen, und sollte es wohl auch niemals werden. (Übrigens wurde hen in Schweden nicht „eingeführt“, wie es mitunter dargestellt wird. Vielmehr wurde es jüngst zur Bezeichnung für bestimmte Transgenderpersonen* offiziell anerkannt. Hen wurde also bereits seit vielen Jahren von Sprechern verwendet.) Ich bin keine Sprachwissenschaftlerin, Lann Hornscheidt schon. Es ist daher davon auszugehen, dass Hornscheidt nicht aus Versehen einen Vorschlag in die Debatte eingebracht hat, der so gar nicht zum Deutschen passen will. Ich kann hier nur spekulieren, warum Hornscheidt sich gerade für eine solche Option entschieden hat. Zunächst einmal wird vermutlich der Wunsch nach medialer Aufmerksamkeit eine Rolle gespielt haben. Dass ein derartiger Shitstorm die Reaktion sein würde, damit hat wahrscheinlich niemand gerechnet. Daran hätte aber wohl auch ein weniger aufsehenerregender Vorschlag wie beispielsweise ein schnödes i nichts geändert.
Das X könnte nun als Zugeständnis gemeint sein, dass man so einfach keinen ernsthaften Vorschlag zur Änderung unserer Sprache ausdenken und implementieren kann. Wie weitgreifend nämlich die Folgen für das Deutsche wären, würden wir ein i als Endung verwenden, lässt sich gut an folgendem Beispiel demonstrieren: „Sehr geehrti Professori Hornscheidt. Ich bin ganz begeistert von Ihrem Sprachänderungsvorschlag. Auch meini Freundi ist transgender und hat sich immer darüber geärgert, wenn i gefragt wurde, wie i anzusprechen sei…“ Wer würde in absehbarer Zeit so reden? Vermutlich kaum einer. Vielleicht wollte uns also Hornscheidt mit dem X auch verdeutlichen, dass sich Sprache nicht dadurch ändern lässt, dass man sich einfach eine Sprachform ausdenkt und diese den Sprechern dann auferlegt, sondern eben nur dadurch, dass man ein Bewusstsein für die jeweilige Problematik schafft und somit langsam ein Umdenken erreicht.
Unabhängig davon wäre es meines Erachtens sowieso wünschenswerter, wenn uns unsere Sprache erst gar nicht abverlangen würde, das Geschlecht eindeutig zuzuordnen, anstatt eine Sprachform vorliegen zu haben, die die Menschen, die sich nicht zuordnen lassen, immer noch als Sonderlinge behandelt.

*Eine Begriffsklärung von transgender, transsexuell und intersexuell findet ihr hier.

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Bildrechte: Rest area von daveynin auf Flickr, CC BY 2.0 

2 Gedanken zu „Männlich, weiblich oder sächlich?

  1. Sehr gerne gelesen, schöner Auftakt zur Reihe! – Die Diskussion erinnert freilich an die Fragen zum Zusammenhang von Sprache und Macht bzw. Gewalt im Ausgang von Judith Butler oder Senta Trömel-Plötz.
    Was in Deinem Artikel aber besonders schön deutlich wird, ist, dass es vielleicht weniger um ein Problem der *Sprache* als vielmehr um ein Problem von *Interaktion* geht, für die keine klaren Regeln zu bestehen scheinen. Daher bin ich nicht sicher, ob ich Deiner abschließenden Bemerkung in Gänze zustimmen will („Unabhängig davon wäre es meines Erachtens sowieso wünschenswerter, wenn uns unsere Sprache erst gar nicht abverlangen würde, das Geschlecht eindeutig zuzuordnen…“), denn in vielen Kommunikationssituationen ist die eindeutige Zuordnung erst mal ein Vorteil (aufgrund genauerer Informationen), etwa wenn Du auf eine Menschenmenge zeigst und sagen kannst: „Schau mal, die da drüben…“
    Schwierig sind, wie gesagt, Fälle, in denen wir über Regeln oder Umgangsformen verunsichert sind. Vgl. etwa die Frage, ob wir jemanden Duzen oder Siezen sollten, ob wir jemandem Hilfe anbieten oder abwarten. Manchem ist das schnuppe, andere fühlen sich vielleicht verletzt. Aber insgesamt scheinen solche Probleme am besten durch Nachfragen o.ä. lösbar. – Ich bin relativ ahnungslos in Fragen der Geschlechtszuordnung, frage mich aber, ob das Problem der adäquaten Ansprache und Bezugnahme nicht besser dadurch gelöst würde, dass man die Person irgendwann fragt – und bis zu diesem Moment muss man sich ja eh auf seine Intuition verlassen, oder? – Unabhängig davon stimme ich völlig zu, dass die Bewußtmachung dieser Fragen ein Gewinn für alle ist (auch wenn das nicht alle so sehen mögen).

    1. Liebe Nona, vielleicht hast du recht und ich unterschätze den Vorteil der Geschlechtszuweisung zur Erkennung einer Person oder Gruppe. Wie mir scheint, ist es aber eher situationsabhängig, welche Eigenschaften einer Person sich zur Zuordnung besonders eignen. Und hier fällt auf: Alle anderen Hinweise sind freiwillig: Farbe der Haare, Kleidung, Körpergröße…Nur das Geschlecht müssen wir sofort zwingend wissen: „Guck mal, der/die da mit dem roten Pulli.“ Denn es klingt in unseren Ohren schon so, als würde etwas nicht stimmen, wenn man hier noch ein Person hinzufügt. Das ist noch keine abschließende Bewertung, aber ich habe den Eindruck, dass der Vorteil dieser eindeutigen und vor allem zwangsweisen Zuordnung überschätzt wird, vor allem weil wir nun in einer Gesellschaft leben, in der immer weniger klar ist, was diese Geschlechtszuordnung impliziert. Wenn man früher sagte: „Da ist eine Frau“ dann wusste der Gesprächspartner ja bereits viel mehr über diese Person, als dies heute der Fall ist (u. a. dass sie ein Kleid trägt, lange Haare hat, dass sie nur wenig oder nur sehr spezifische Bildung erhalten hat, dass sie im Zweifel zu beschützen ist, dass man sie bei häuslichen Fragen um Rat bitten kann…). Zur Frage der Nachfrage 😉 Die höfliche Ansprache mit dem Siezen und Duzen ist ein guter Vergleich. Ich glaube, dass Menschen generell andere lieber ansprechen, wenn sie zumindest ungefähr wissen, wie sie dies höflich tun können, ohne in ein Fettnäpfchen zu treten (egal, ob es hier um Duzen, Siezen, Herr, Frau…geht). Viele Menschen haben Hemmungen, sich dabei nur auf ihre Intuition zu verlassen. Von solchen Hemmungen/Kommunikationsschwierigkeiten bei der Frage „Duzen oder nicht?“ haben mir schon viele persönlich berichtet (und darüber, wie angenehm das in der engl. Sprache sei), obwohl man ja für gewöhnlich mit dem Sie auf der sicheren Seite ist, wenn man die Menschen nicht kennt. So eine zumindest höchstwahrscheinlich adäquate höfliche Ansprache gibt es für Transmenschen nicht. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass Transmenschen schon allein aus diesen sprachlichen Gründen seltener angesprochen werden (Erstkontakt) und allein dadurch sozial benachteiligt sind. Insofern sehe ich nicht ganz, wie die höfliche Nachfrage allein das Problem löst. Wenn ich jdn. Fremdes in beruflichen Kontexten ansprechen will, sage ich immer zuerst „Frau“ oder „Herr XY“ und dann erst „Darf ich Ihnen eine Frage stellen…?“

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