Frauen auf deutschen Theaterbühnen

Faust, Roberto Alagna; Chorégies 2008 (ORANGE,FR84)

Ich gehe grundsätzlich ausgesprochen gern ins Theater. Dennoch ärgere ich mich auch des Öfteren darüber. Viele deutsche Theaterhäuser haben nämlich anscheinend in Sachen Gleichstellung der Geschlechter noch erheblichen Nachholbedarf, was sich nicht nur in der geringen Anzahl leitender Frauen (Intendanz und Regie) manifestiert, sondern vor allem auch in den Darstellungen der Frauenfiguren. Ich bin kein Theaterexperte, nur Freizeitbesucher. Ich gebe hier lediglich einen persönlichen Eindruck wieder, und ich lasse mich diesbezüglich auch gerne eines Besseren Belehren. Ich behaupte nicht, dass das Problem an allen Theaterhäusern besteht, dass also keine reflektierten Gegenbeispiele zu finden seien, – die gibt es nämlich durchaus. Vielmehr geht es mir um Tendenzen, die ich persönlich bei meinen Besuchen wahrgenommen habe. Mein Eindruck ist dabei, dass Themen wie „Gleichstellung von Frauen und Männern“, „Sexismus im Alltag“ oder „sexuelle Objektifizierung von Frauen“ noch keinen festen Platz im Denken und Treiben vieler Theaterschaffenden haben. Das ist insbesondere deshalb schade, aber auch erstaunlich, da sich ja gerade die Theaterschaffenden gerne den Hauch des Intellektuellen geben, nicht selten ihre Werke im eigenen Anspruchsdenken als etwas Gehobeneres betrachten als beispielsweise Blockbuster im Kino. In Sachen Sexismus stehen sie diesen Werken aber oft in nichts nach.

Die Klassiker sind nicht das Problem

Klar, wenn wir beispielsweise die alten deutschen Bühnenklassiker betrachten, haben wir es nun einmal oft mit Geschichten aus Männerperspektive zu tun und Frauenrollen, die dem stereotypen Klischee par excellence entsprechen. Wenngleich sich in der Zeit Goethes und Schillers langsam die Position durchsetzte, dass Männer den Frauen nicht in jeder Hinsicht überlegen sind, waren nichtsdestoweniger stereotype Männer- und Frauenbilder überall präsent. Der Mann galt so als das vernünftige, verständige Wesen, der Schöpfer, das Genie; die Frau galt hingegen als gefühlsbetont, unvernünftig bis irrational, naturverbunden und sie war stets diejenige, die bloß empfangen „durfte“. Solch abwegige Vorstellungen von Frauen und Männern sind ja sogar noch heutzutage überall in Deutschland anzutreffen. Entsprechend ist die einseitige Darstellung der Geschlechter aufgrund der damaligen Verhältnisse ja durchaus verzeihlich. Theaterschaffende, die sich aber darauf ausruhen, machen es sich meines Erachtens zu einfach.

Wenn ein Stück aus heutiger Sicht sexistisch erscheint, wird doch niemand dazu gezwungen, dies unkritisch so wiederzugeben oder gar noch durch die Inszenierung zu verstärken. Selbst kleine Änderungen reichen ja oftmals aus, um das Problem zu entschärfen. So kann man beispielsweise die Hexen in Macbeth als laszive Pseudo-Nymphomaninnen darstellen, muss man aber nicht. Während sich die antirassistische Bewegung mit Blick auf das Theater schon lange fragt, warum eigentlich die Emilias, Julias oder Gretchens, die Fausts, Romeos oder Nathans immer weiß sein müssen, fragen sich offenbar nach wie vor nur Wenige, warum die als Männer deklarierten Figuren so oft als Männer präsentiert werden müssen und entsprechend die Frauen als Frauen. Spielt da einmal eine Frau eine Männerrolle, beispielsweise den Faust oder Nathan, gilt das gleich als großer Kunstgriff. Dabei könnte Faust ja ebenso gut eine Frau sein, Gretchen ein junger Mann, oder man könnte einfach einmal alle Rollen vertauschen. Es geht doch bei den Klassikern – so hätte es zumindest meine Deutschlehrerin ausgedrückt – zumeist um allgemeinmenschliche Probleme. Wenn dem so ist, müsste es aber doch prinzipiell genauso denkbar sein, dass Frauen eben diese Probleme haben. Oder geht es letztlich doch bei den meisten Stücken nur um allgemeinmenschliche Männerprobleme?

Würde man regelmäßig einmal austesten, nur so probehalber, wie ein Stück wirkt, wenn die Frauen die Männerrollen übernähmen und umgekehrt, die Männer die Frauenrollen, würde vielleicht dem ein oder anderen so manches klarer werden.

Schauspielerinnen als Sexobjekte

Grund für meinen Ärger sind aber nicht allein die vielen klischierten Frauenfiguren, die mir so oft und, wie es scheint, unhinterfragt präsentiert werden. Auch die Darstellung der Frauen im Theater ist so meines Erachtens recht häufig problematisch. Schauspielerinnen müssen sich ständig vor dem Publikum ausziehen oder zumindest einmal leicht bekleidet über die Bühne hüpfen, selbst wenn das Stück nichts dergleichen nahelegt. Hübsch sein reicht bei Frauen auf der Bühne offenbar nicht mehr aus, sie müssen auch sexy sein. Denn Sex sells, oder so… Dass schön und sexuell aufreizend auch bei Frauen nicht miteinander einhergehen müssen, gehört allem Anschein nach nicht zum Standardrepertoire Theaterschaffender. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum Frauen auf der Bühne so häufig in Kleidchen, Röckchen oder Unterwäsche auftreten müssen. Sie werden wohl nicht so gekleidet sein, um Verwechslungen mit den Männern zu vermeiden.

Damit das dann auch tatsächlich gut klappt mit der Erotik beim Zuschauer, müssen die Schauspielerinnen natürlich für gewöhnlich schlank, jung und hübsch sein. Als Frau muss man daher schon wirklich wahnsinnig gut sein, um auch im Alter noch auf die Bühne zu dürfen, dennoch bleibt ihnen dann zumeist nur die Rolle des „Mütterchens“. Nicht selten habe ich nach dem Stück den Eindruck, nunmehr die feuchten Träume des Regisseurs mit seinen Schauspielerinnen zu kennen. Das hat bei mir auch schon Fremdschämgefühle ausgelöst.

Kein Plädoyer für Prüderie

Meine Ausführungen sollten nun nicht missverstanden werden als Plädoyer für Prüderie im Theater; im Gegenteil: Ich finde Sex und Erotik müssen definitiv ihren festen Platz auf der Bühne haben, aber doch nicht ständig so einseitig und objektifizierend. Ich will auch niemandem vorschreiben, wie die Personen auf der Bühne auszusehen haben. Aber wenn immer wieder dieselben Muster erkennbar sind, immer wieder dieselbe Art der erotischen Aufmachung der Frauen, dann erinnert mich das nun einmal mehr an Fernseh- und Plakatwerbung als an künstlerische Freiheit.

 
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Bildrechte: Faust, Roberto Alagna; Chorégies 2008 von jean-louis Zimmerman auf Flickr, CC BY 2.0. 

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