Fliegst du noch?

Flugzeug Flieger

Passt nicht zum Thema Feminismus, aber zum heutigen Earth Overshoot Day (Erdüberlastungtag):

Den folgenden Text habe ich vor fast genau einem halben Jahr eigentlich für ein anderes Blog geschrieben. Die Betreiber hatten aber keine Lust darauf, – er war ihnen offenbar zu heikel. Das ist interessant: Denn mittlerweile ist dieses Thema ja wirklich in aller Munde, der Titel ist mega abgenutzt…und kaum einer schämt sich noch, das zu sagen: 

Fliegst du noch?

Kritisch gefragt: Sollte man im Angesichte des Klimawandels noch in den Urlaub fliegen? Diese Frage scheidet die Geister. Zur Vorbereitung auf die nächste Diskussion mit überzeugten Vielflieger*innen präsentiere ich euch 10 beliebte ArgumenteAusreden, warum man trotzdem noch in den Urlaub fliegt und wie du darauf reagieren könntest [und in eckigen Klammern gibt es kleine Debattier- bzw. Argumentierhilfen dazu].

Warum fliegst du noch in den Urlaub?

1. „Ich glaube, das geht schon in Ordnung. Mir scheint, das ist alles ganz schön übertrieben, was die Klimaforscher da so behaupten.“

Mögliche Reaktion: Wir Laien haben generell guten Grund, denjenigen zu glauben, die sich in einem Fachgebiet sehr gut auskennen und uns auf fundierter wissenschaftlicher Basis ihre Vermutungen begründen können, – zumindest wenn sich die Fachwelt einig ist. [Gute Autoritätsargumente verweisen auf Autoritäten, denen man aus guten Gründen glauben schenken darf. Es gibt natürlich auch schlechte Autoritätsargumente…]. Entsprechend gilt das natürlich auch für die Klimaforschung: Wir haben daher erstmal guten Grund, den Klimaforscher*innen zu glauben. Es stimmt natürlich: die Wissenschaft hat sich in der Vergangenheit schon oft fatal geirrt und Skepsis ist daher immer auch ein guter Begleiter. Und natürlich ist die Klimaforschung keine exakte Wissenschaft wie etwa die theoretische Physik oder Mathematik [Es ist immer gut, erstmal zu gucken, wo andere auch eine Berechtigung in ihrer Position haben], aber das bedeutet noch lange nicht, dass die verwendeten Methoden nichts taugen und die Schlussfolgerungen der Wissenschaftler*innen nicht stichhaltig sind. Hier ist auch probabilistisches Denken gefragt und das sagt uns: Wenn wir unsere CO2 Emissionen nicht massiv verringern, ist es sehr wahrscheinlich bald nicht mehr so schön auf der Erde zu leben, zumindest nicht für uns Menschen. Wer dennoch skeptisch ist, kann sich mit folgenden Fragen weiterhelfen: Welche Motive könnten die Neutralität der Aussagen gefährdet haben? Gibt es vielleicht politische, wirtschaftliche Interessen, die das Urteil beeinflusst haben? Was sagt die Gegenseite und welche Motive könnte diese haben? Womit ist im Zweifel mehr Leid verbunden? Nun hat die Umwelt keine Lobby, sie zahlt kein Geld und interessiert sich nicht für Macht und Politik; bei denjenigen, die gegen den Klimawandel halten, sieht das schon ganz anders aus. Und womit ist mehr Leid verbunden: wenn wir weniger co2 ausstoßen, obschon sich die Warnungen als übertrieben erwiesen haben oder wenn wir so weitermachen wie bisher, die CO2 Emissionen weiter erhöhen und am Ende für Menschen keine lebenswerte Erde mehr haben?

2. „Sollen die anderen mal ruhig das Klima schützen und sich im Gutmenschentum üben. Ich seh nix vom Klimawandel. Der Winter ist kalt, der Sommer ist heiß, mal gibt es zu viel, mal zu wenig Wasser. Mir erscheint alles soweit normal.“

Offenbar erliegst du einem confirmation bias und nimmst nur das wahr, was deine vorgefertigte Meinung bestätigt. [Der confirmation bias ist eine von vielen kognitive Verzerrungen, die unser Bild der Realität verzerren und uns davon abhalten, etwas korrekt einzuschätzen. Wir müssen daher stets auf der Hut vor ihnen sein.] Es gibt auch hierzulande schon viele Probleme, die mit dem Klimawandel zu tun haben. Zudem: Nur weil sich in deiner Umgebung der Klimawandel womöglich noch nicht so stark auswirkt, wie es nötig wäre, damit du die Augen nicht mehr verschließen kannst, bedeutet das noch lange nicht, dass es woanders genauso ist [Generell ist große Vorsicht bei Übertragungen geboten à lá weil dies hier so ist, muss das hier auch so sein. Meist ist der Schluss ganz und gar nicht zwingend. Und oft übersieht man dabei Möglichkeiten]. Sei fair: Andere haben schon längst ihre Heimat aufgrund des Klimawandels verloren.

3. Da soll erst einmal China seine Industrie ändern

Nun ja, immerhin ist Deutschland unter den Top Ten der weltweiten CO2 Emittenten. Das ist schon allerhand. Zudem: Wenn jeder stets denkt „Erstmal sollen die anderen sich ändern!“, dann bleibt eben alles, wie es ist. Oder wie Immanuel Kant es ausgedrückt hätte: „Handle stets so, dass die Maxime deines Handelns zugleich als allgemeines Gesetz gelten könnte.“ Natürlich musst du Kant nicht glauben, könntest du aber [das war schon wieder ein Autoritätsargument. Vielleicht ein gutes? Bedenke: Immerhin war Kant ein bedeutender Moralphilosoph]. Und bedenke: Nur weil andere etwas Falsches tun, ist das noch lange kein Freifahrtschein, es ihnen gleich zu tun. Oder findest du etwa, dass sich ein Mörder gut damit rausredet, dass es auch andere Mörder gibt? [Passende und anschauliche Analogien helfen oftmals das Problem klarer zu sehen. Sogar unpassende Analogien können einen weiterbringen, indem einem nämlich klar dadurch wird, wo die relevanten Unterschiede liegen.]

4. „Solange es noch Leute gibt, die Erdbeeren kaufen, die aus Israel eingeflogen wurden, ändere ich gar nichts. Die Politik ist hier ganz klar gefragt, nicht ich als Individuum.“

Schon richtig, die Politik ist ganz klar gefragt. Und natürlich ist es voll ungerecht, wenn man selbst auf etwas verzichten soll, während alle anderen damit weitermachen [Es ist gut in einer Diskussion, die Gefühle von anderen zu sehen und zu verstehen]. Aber 1. bist du nicht allein. Es gibt schon viele andere, die mitmachen [und das hört man ja fast immer gern]. 2. Hilft es ungemein, die eigene Idee auch politisch „zu verkaufen“, wenn man sich selbst versucht, vorbildlich(er) zu verhalten. Man siehe nur, was es für einen Aufschrei gegeben hat, als es hieß, Greta Thunberg sei womöglich mit dem Flugzeug zum Klimagipfel gereist. All diese Leute haben sich ja dennoch nicht über die Urlaubsfliegerei aufgeregt. Wieso nur? Es ist ja klarerweise besser, man fliegt zu einer Klimakonferenz, um dort auf den notwendigen Klimaschutz aufmerksam zu machen, als in den Urlaub, nur so um ein bisschen Spaß zu haben. Aber die Leute denken eben: Mach es erstmal selbst richtig! Also: Lasst es uns erst einmal selbst richtig machen und nicht mehr in den Urlaub fliegen. Dann lässt sich womöglich auch politisch etwas bewegen. [Eigentlich sollte man sich nur mit der Sache selbst auseinandersetzen und nicht damit, wie gut sich derjenige verhält, der sie vorbringt. Aber viele Menschen erliegen solchen Ad-Hominem-Argumenten. Du vielleicht manchmal auch?]

 

5. „Ich würde ja, aber es geht halt leider nicht anders.“

Was heißt eigentlich „es geht halt leider nicht“? Das klingt erstmal nach einem schwerwiegenden moralischen Dilemma. Aber wenn man genauer hinschaut, stellt sich für gewöhnlich heraus: Es gibt hier kein Dilemma, höchstens überhöhte Ansprüche ans Leben [das nennt man dann „falsches Dilemma“ oder auch „falsche Dichotomie“]. Es gibt überhaupt in der Realität selten Dilemmata, denn fast immer lassen sich mehr als zwei sinnvolle Handlungsoptionen ausmachen. Ein Beispiel, gefunden auf Twitter:

Die Reisewillige steht scheinbar vor einem Dilemma: Sie möchte mit ihrer Familie nach Portugal. Die Reise mit dem Flugzeug wäre kostengünstig (und kurzweilig). Die Reise mit dem Zug ist sehr kostspielig. Was nun? Sehr schnell wird entschieden: Manchmal geht es halt nicht anders, da muss man fliegen. Interessant daran ist: Die Reisewillige macht sich noch nicht einmal die Mühe, den anderen zu erklären, warum sie so dringend mit ihrer Familie nach Portugal muss. Und die anderen fragen auch nicht danach. Trotzdem wird sehr bald gefunden: Geht nicht anders! Das klingt so, als hätten wir ein vollumfängliches Recht auf Fernreisen, so als wäre es nur angebracht, darüber nachzudenken, ein Flugzeug durch ein anderes umweltfreundlicheres Verkehrsmittel zu ersetzen, wenn man stattdessen irgendwie anders bequem und kostengünstig an den gewünschten Ort kommt. Nur man könnte ja einfach mal erwägen, mit dem Zug an die Ostsee zu fahren. Dauert nicht so lange und ist auch nicht so teuer. „Aber das würde dann ja auch bedeuten, dass ich niemals nach Thailand, Indien oder Australien käme?“ werden dann manche bitter feststellen. Stimmt! Konsequent betrachtet wäre das so. Aber hier geht es ja auch weniger um die eine oder die zwei oder vielleicht auch noch drei Flugreisen im Leben. Und selbst wenn: Wäre das gemessen an dem, was unseren Kindern droht, wirklich ein Problem? Ist es wirklich für das Lebensglück so bedeutsam, all diese Orte einmal mehr oder weniger kurz besucht zu haben? Hier stellt sich schnell die Frage: Was ist uns unsere Umwelt eigentlich wert? Und wie viel würdest du dafür geben, damit deine Kinder noch (halbwegs) gut leben können? Offenbar ist das vielen nicht einmal eine Reise nach Portugal wert.

6. „Ich brauche das! Ich muss (ab und an) weit weg in den Urlaub fliegen. Am Reisen in ferne Länder hängt mein Lebensglück…“

Das klingt jetzt schon etwas nach einem [ich nenne das jetzt mal so] Prinzessin-auf-der-Erbse-oder Marie-Antoinette-Argument… Der Verzicht auf Urlaubsflüge bedeutet weder eine existenzielle Bedrohung für dich, denn es geht hier ja nur um deinen Spaß, noch impliziert er gewaltige Änderungen in deinem alltäglichen Leben. Vergleiche das einmal mit Umstellungen wie eine kleinere Wohnung, weniger Heizen, Verzicht auf das Autofahren, auf Warmwasser, auf Fleisch, Südfrüchte, neue Kleidung, Google, dein Smartphone… [Prinzessin auf der Erbse deshalb, weil diese Behauptung, man brauche das doch, schon arg nach Überformung der eigenen Bedürfnisse durch Luxus klingt (wie die Prinzessin, die sich trotz 12 Matratzen über die Erbse beklagte); Marie Antoinette deshalb, weil die weltfremde Luxusperspektive, die durch diese Behauptung deutlich wird, die Nöte und Sorgen, die andere derweil haben, mit Füßen tritt und die Bedrohung vollkommen verkennt: „Ihr habt kein Brot, esst doch Kuchen!“]

7. „Ich fliege ja für 6 Wochen und nicht bloß, wie andere für 2.“

Leider macht es für die CO2-Emissionen, die durch Hin- und Rückreise mit dem Flugzeug entstehen, keinen Unterschied, ob du für 2 oder 6 Wochen verreist. Der Verweis auf die Länge der Reise wäre nur dann relevant, wenn die Länge der Reise auch die Häufigkeit reduzierte. Das ist aber nur sehr selten der Fall. Sprich: Leute fliegen nicht unbedingt häufiger, weil ihre Reise kürzer war, oder umgekehrt seltener, weil ihre Reise länger war. [Viele Argumente treten im Alltag nur verkürzt in Erscheinung. So man sich ihrer in ganzer Länge gewahr wird, wird oft auch erst deutlich, wie gut sie eigentlich sind]. Es mag hinsichtlich der CO2-Emissionen eine minimale Differenz geben, wie lange du verreist, sofern du dich in dem Reiseland klimafreundlicher verhältst als zu Hause. Selbst wenn das so ist, spielt das kaum eine Rolle. Wirklich ausschlaggebend ist hier nur: Fliegen oder nicht fliegen.

8. „Ich tue schon genügend anderes.“

Ok. Es ist gut, dass du schon so viel tust. Aber: Würdest du deinem Enkelkind wirklich sagen, wenn es dich fragte, warum es denn nicht mehr genügend Frischwasser auf der Erde gibt, dass du ja schon genug getan hättest; das Fliegen sein zu lassen, war da leider nicht mehr drin? [Gedankenexperimente sind häufig ein gutes Mittel, um sich bestimmter Verhältnisse klarer zu werden.] Natürlich hat jeder seine Grenzen, gerade auch im Angesichte der vielen Menschen, die sich anscheinend einen Dreck um den Klimaschutz scheren. Und natürlich bedeutet Klimaschutz für uns, Kompromisse einzugehen, nicht alles zu tun, was möglich wäre, Prioritäten zu setzen, Dinge doch zu tun, obwohl sie nicht optimal sind…denn wir wollen ja trotz allem ein für diese Breitengrade halbwegs normales Leben führen. Dennoch: Wenn wir unsere Grenzen zu eng stecken, geben wir anderen auch einen guten Grund, es uns gleich zu tun. Und bedenke stets, wie lange du aufs Auto fahren oder auf Fleisch verzichten musst, um einmal Fliegen wettzumachen. Zum Vergleich: Ein einfacher Flug von Berlin nach New York erzeugt mehr C02 Emissionen als 500kg Hackfleisch. Davon isst auch ein Liebhaber des Fleisches etwa 8 Jahre lang [manchmal hilft es, sich Dinge zu veranschaulichen].

 

9. „Was soll ich denn noch alles tun?“

Oh, da ließe sich vieles aufzählen…Spaß beiseite: Das klingt jetzt so, als würdest du schon irrsinnig viel tun. Aber ist das auch wirklich so? Zur Orientierung: Der Pro-Kopf-Verbrauch einer/s Bürger*in sollte höchstens 2 Tonnen im Jahr betragen, das Umweltbundesamt gibt sogar nur 1 Tonne als Zielmarke an. Mit einer Flugreise von Berlin nach Gran Canaria und zurück hast du schon wesentlich mehr als 2 Tonnen verbraucht. Wo willst du da noch CO2 einsparen? Es ist darüber hinaus auch sehr zweifelhaft, ob sich so sinnvoll rechnen lässt: Letztlich ist klar: Jeder sollte so viel tun, wie er kann. Ohne Verzicht wird es nicht funktionieren. Die Rechnung, dass der Veganer sich das Klimarecht „erspart“ haben könnte, nach Australien zu fliegen, wird also nicht aufgehen. So viel Zeit haben wir nämlich nicht mehr.

 

10. „Es bringt ja eh nichts.

Nun ist es ja tatsächlich so, dass die Vielfliegerin heute sterben könnte und das dennoch keinen wesentlichen positiven Einfluss auf das Weltklima hätte. Aber deshalb darauf zu schließen, dass es ganz egal sei, ob man in den Urlaub fliege oder nicht, wäre dennoch voreilig: Wenn es darum geht, viele Menschen zu finden, die das Klima schützen, dann muss es wohl auch darum gehen, mit gutem Beispiel voranzugehen [siehe auch Punkt 4]. Dass das geht und tatsächlich einen positiven Einfluss haben kann, zeigen uns die Schweden mit ihrer Bewegung #Flygskam. Man sollte eben den eigenen Einfluss auch niemals unterschätzen.

Habe ich etwas Wichtiges vergessen? Bestimmt! Stimmt etwas nicht? Schreibt mir und diskutiert mit mir. Ich bin gespannt!

Bild von spoba auf Pixabay

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