Binnen-I, Gender Gap oder Pusch-Deutsch?

Christlicher Garten - "Raum der Sprache und des Wortes" von relais Landschaftsarchitekten

Gendergerechte Sprache Teil III

Wie ich in meinen Beiträgen „Männlich, weiblich oder sächlich?“ und „So sollte man nicht reden“ dargelegt habe, ist unsere Sprache in Sachen Geschlechtergerechtigkeit alles andere als vorbildlich. So ist das Deutsche ungerecht gegenüber Transgenderpersonen, weil es nur zwei Geschlechter kennt, es ist ungerecht gegenüber allen Nicht-Männern, weil das generische Maskulinum dazu führt, dass selbst bei geschlechtsneutralen oder gemischtgeschlechtlichen Personenbezeichnungen zunächst an Männer gedacht wird. Es ist natürlich auch ungerecht, insofern es zahlreiche geschlechtsspezifische diskriminierende Wörter und Redewendungen gibt („Schlampe“, seinen Mann stehen“ oder „Sei nicht so ein Mädchen!“ etc.). Nun ist die Sprache natürlich kein Akteur. Man könnte deshalb meinen, sie könne nur so ungerecht sein wie ihre Sprecher. Während sich allerdings problematische Redewendungen und Schimpfwörter von den Sprechern vermeiden lassen, ist das bei einer sexistischen Grammatik wie dem generischen Maskulinum oder gar dem Fehlen eines Pronomens nicht ohne Weiteres möglich.

Binnen-Is, Unterstriche und Sternchen

Wem es nur darum geht, Frauen sprachlich sichtbar(er) zu machen, wie es von vielen deutschsprachigen Feministen gefordert wird, der braucht eigentlich keine neue Sprachform: Die sprachliche Sichtbarmachung der Frauen könnte durch die gesonderte Erwähnung der Frauen erfolgen (Feministinnen und Feministen). Das wäre natürlich lang und umständlich. Eine kurze Option ist da definitiv benutzerfreundlicher. Transgenderpersonen mitmeinen kann man allerdings auf diese Weise eher nicht. Die Doppelnennung betont sogar noch, dass es in unserer Sprache nur Platz für Frauen und Männer gibt.

Genau genommen erfahren also vor allem die Transgenderpersonen eine Diskriminierung durch unsere Sprache, denen man nicht mit den üblichen sprachlichen Mitteln (Vermeidung bestimmter Ausdrucksweisen und Betonung anderer) aus dem Wege gehen kann. Um schließlich auch Transgenderpersonen gerecht zu werden, wurden die Sonderzeichenvarianten (Feminist_innen; Feminist*innen) erfunden, die uns im Gegensatz zum Schrägstrich (Feministen/innen) oder dem Binnen-I (FeministInnen) grafisch daran erinnern sollen, dass es nicht nur Frauen und Männer gibt. Die Forderung nach Binnen-I, Gender Gap (d. i. der Unterstrich) oder Gender-Sternchen zur Ersetzung des generischen Maskulinums ist also letztlich eine Forderung nach einer offiziellen schriftlichen und allseits verwendeten Abkürzung für die Doppelnennung von Männern und Frauen, die bestenfalls noch mit einem Sonderzeichen grafisch daran erinnert, dass es nicht nur Frauen und Männer gibt.* Nur hilft dieses grafische Erinnerungsmal den Transgendermenschen doch vergleichsweise wenig, wenn unsere Sprache lediglich die höfliche Anrede Herr und Frau kennt und wir unweigerlich zwischen er oder sie entscheiden müssen, um über jemanden zu reden. Zudem bleibt ja auch mit diesen Varianten die gesprochene Sprache so, wie es die Sprachtradition vorsieht, und damit letztlich diskriminierend für die Transgenderpersonen.

Insofern erscheinen Partizipialkonstruktionen wie Lehrende o. Ä., die als geschlechtsneutral gelten, sinnvoller. Nur ist es wirklich wahr, dass wir bei ErziehendeStudierende oder Arbeitende eher an Frauen oder Transgenderpersonen denken als bei Erziehern, Studenten und Arbeitern? Ich weiß leider nicht, ob das getestet wurde. Ich könnte mir jedenfalls vorstellen, dass der Vorteil marginal ist. Aber selbst wenn der Unterschied erheblich ist, gibt es mindestens vier Probleme mit dem Ausweichen auf Partizipialkonstruktionen: 1. Gibt es sie nicht immer; 2. sind sie oftmals ungenauer (Studierende sind schließlich nicht dasselbe wie Studenten, Lernende sind nicht dasselbe wie Schüler etc.); 3. wird die Lesbarkeit durch zu viele Partizipialkonstruktionen eingeschränkt, – ganz zu schweigen davon, wie es klingt: Mit dem Auto Fahrende sollten auf zu Fuß Gehende und Rollstuhl Fahrende acht geben; 4. lassen sie sich nicht immer verwenden: die schlafenden Lehrenden kann man eben nicht sagen. Denn entweder lehren die Personen oder sie schlafen. Ersatzworte wie Lehrkraft stehen häufig nicht zur Verfügung. Wer deshalb versucht, möglichst oft auf Passivkonstruktionen auszuweichen, beraubt sich selbst wichtiger Ausdrucksmöglichkeiten in unserer Sprache.

Puschs Vorschlag

Es hat natürlich auch weitere Vorschläge als die genannten für ein gendergerechteres Deutsch gegeben. So hat beispielsweise Luise F. Pusch folgenden Sprachänderungsvorschlag unterbreitet:

weiblich männlich allgemein
Sg. die Lehrer der Lehrer das Lehrer
Pl. die Lehrers die Lehrers die Lehrers

Pusch schlägt damit also eine Annäherung des Deutschen an das Englische vor, will aber noch die Möglichkeit bereithalten, mithilfe des Artikels zu kennzeichnen, ob es sich um weibliche oder männliche Personen handelt. Der Vorteil dieser Grammatik gegenüber den Abkürzungsvorschlägen ist offenkundig: Wir hätten eine neutrale und geschlechtsunspezifische Personenbezeichnung sowohl im Plural als auch im Singular. Die neue Grammatik würde sich in der Schriftsprache und in der gesprochenen Sprache niederschlagen. Damit könnten wir Frauen (oder auch Männer) sichtbar machen, müssten wir aber nicht. Die allgemeine und geschlechtsunspezifische Form wäre, wie im Englischen, nicht mehr gleichlautend mit der männlichen. (Gisela, das Lehrer, das immer so freundlich ist, kommt aus der Schule. Leander, das Student, das immer so nett lächelt, besucht seines Kindergärtner).

Allerdings nutzt Pusch ihren eigenen Ansatz nicht einmal selbst – wahrlich ein schlechtes Zeichen für eine erwünschte Sprachänderung. Dass sie ihn selbst nicht verwenden mag, überrascht auch nicht, wenn man sich einmal vor Augen führt, was diese neue Grammatik für uns und unsere Sprache bedeuten würde. Wir könnten keinen Satz mit Personenbezeichnungen mehr ohne längeres Überlegen formulieren. Viele Deutsche könnten sich wahrscheinlich bequemer auf Englisch unterhalten als auf Pusch-Deutsch.

Pusch hat sich auch schließlich offiziell für das Binnen-I ausgesprochen, weil sie ihren eigenen Vorschlag für nicht durchsetzbar hielt. Natürliche Sprachen funktionieren nun einmal nicht wie Programmiersprachen, wo man einfach eine Neuauflage erstellen und einführen kann, um die Bugs der alten loszuwerden.

Ein gendergerechtes Deutsch ist nicht in Sicht

Ist also die deutsche Sprache noch zu retten? Vorerst wohl eher nicht. Ein gendergerechtes Deutsch ist mit und ohne Binnen-Is, Gender Gaps und -sternchen nicht in Sicht. Das spricht natürlich zunächst einmal nicht gegen kleine Sprachänderungen, wie diese Doppelnennungsabkürzungen mit Transgender-Erinnerungsfunktion, sofern sie denn der erste Schritt in die richtige Richtung sind. Ich bezweifle aber, dass sie dies sind. Warum, erkläre ich in meinem nächsten Beitrag über gendergerechte Sprache.
*Mitunter hat man den Eindruck, es gehe nicht nur darum, eine Abkürzung für die Doppelnennung zu finden, weil neue seltsame Sprachformen entwickelt werden (wie beispielsweise Gäst_innen oder MitgliederInnen), die mit dem dargelegten Problem, dass Frauen überlegen müssen, ob sie mitgemeint sind, nichts zu tun haben. Ich denke, dass wir solche Äußerungen wie Gäst_innen getrost ignorieren können. Sie scheinen eher auf mangelnder Sprachkenntnis zu beruhen als auf einem politischen Anliegen. Wem nicht einleuchtet, warum selbst Verfechter des Unterstrichs kein Gäst_innen brauchen, schaue sich diese Tabelle an:

männlich/weiblich

/allgemein

männlich/weiblich

/allgemein

Sg. der Gast das Mitglied
Pl. die Gäste die Mitglieder

Wer das Geschlecht der Gäste oder Mitglieder hervorheben möchte, muss schreiben: männliche/weibliche Gäste/Mitglieder.

Es gibt noch eine weitere Verwendung des Gender-Sternchens, die nichts mit der Vermeidung des generischen Maskulinums zu tun hat. Mehr dazu in meinem Beitrag über Gender-Sternchen hinter Geschlechtsbezeichnungen.

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Bildrechte: Buchstaben von onnola auf Flickr, CC BY-SA 2.0

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