Bekennt euch zum Feminismus!

HS YEARBOOK PHOTOS: Me and Roz give the photographer thumps up. The caption reads: "These two Sundancers added a burst of energy to the dance line."

In meinem ersten Beitrag habe ich mich darüber beklagt, dass so viele Personen pauschal den Feminismus ablehnen, anstatt sich einmal die Zeit zu nehmen, die einzelnen Thesen der Feministen* einer ernsthaften Untersuchung zu unterziehen. Somit wird jedes Zugeständnis an die feministische Bewegung von vornherein ausgeschlossen. Es gibt noch eine weitere Gruppe selbsternannter Feminismusgegner (oder vielleicht treffender gesagt: „Nicht-Feministen“), die gerne von den Feministen sprechen, mit denen sie nichts zu tun haben wollten. Zumeist reagieren diese Menschen auf die Frage, ob sie Feminist(in) seien, in etwa so: „Eigentlich finde ich ja Gleichberechtigung/Gleichstellung erstrebenswert, aber als Feminist(in) möchte ich mich wirklich nicht bezeichnen.“

„Mit den modernen Feministen hab ich nichts zu tun!“

Als Begründung für diese Haltung wird von diesen Personen dann aber nicht etwa angegeben, ihr persönliches Engagement reiche nicht aus, um sich das Etikett einer politischen Bewegung anzuheften. Stattdessen bekunden sie, ihnen würden bestimmte Forderungen von Feministen oder deren Verhaltensweisen derart missfallen, dass sie den Titel lieber nicht für sich beanspruchen.

So schrieb zum Beispiel Annett Meiritz Ende des letzten Jahres in einem Kommentar im Spiegel Online, dass sie das Label „Feministin“ nicht tragen wolle, da es sich beim Feminismus zunehmend um eine Bewegung handle, die „mit dem Vorschlaghammer bekehren“ würde. Argumente gegen bestimmte feministische Thesen würden von den (modernen) Feministen nicht mehr ernsthaft beleuchtet, sondern nur noch pauschal zurückgewiesen, immer dem Motto folgend „Wer am lautesten schreit, gewinnt!“. Gleichzeitig bekennt sich die Spiegel Online-Redakteurin in ihrem Artikel dazu, die Frauenquote für gerechtfertigt zu halten, und Ehegattensplitting sowie Betreuungsgeld für falsch. Denn auch sie glaubt, dass wir ein Sexismusproblem in Deutschland haben.

Auf der Suche nach Gründen

Es stellt sich daher die Frage, warum sich diese Frau nicht einfach von den Feministen abgrenzt, die es ihrer Ansicht nach nicht richtig machen. Warum sagt sie nicht: „Selbstverständlich bin ich Feminist(in). Wie könnte ich dies nicht sein? Ich bin schließlich für die Gleichstellung von Frau und Mann. Allerdings gibt es momentan leider sehr viele Positionen und Verhaltensweisen innerhalb der feministischen Bewegung, mit denen ich mich nicht identifizieren kann…“? Antje Schrupp ist in in ihrem Blogbeitrag Verantwortlichkeiten II ähnlichen Fragen nachgegangen. Zunächst einmal konstatiert sie, dass dieses Problem auch mit Blick auf andere politische Bewegungen vermehrt zu beobachten sei. Sie meint, es habe letztlich mit unserem problematisch gewordenen Verständnis von Politik zu tun, dass immer häufiger Anspruchshaltungen gegenüber politischen Bewegungen und Parteien zu verzeichnen seien. Politik bedeute für die meisten nicht mehr, sich selbst als politische Akteure zu begreifen, die im Zweifel selbst (mehr) Initiative ergreifen müssen, wenn ihnen das, was andere vorschlagen oder tun, nicht gefällt. Stattdessen verhielten sie sich wie der Kunde gegenüber seinem Dienstleister und bemängelten einfach nur den Service. Ich finde, dass Schrupp dieses Anspruchsdenken gegenüber der Politik gut beobachtet hat. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob tatsächlich derart klar ein Rückgang der Übernahme von politischer Verantwortung auszumachen ist, zumindest wenn „Verantwortung zeigen“ bedeutet, selbst aktiv zu werden, Parteiprogramme mitzugestalten, wenn das Angebot nicht gefällt, und nicht bloß monieren, dass es nicht gut genug sei. Nur, waren in diesem Sinne nicht die meisten Menschen immer schon lediglich Mitläufer oder untätige Nörgler, während nur wenige als ernstzunehmende Akteure oder gar Vordenker fungierten? Natürlich ist es nichtsdestoweniger gut, Menschen daran zu erinnern, dass die Grundidee der Demokratie ja gerade darin besteht, jedem Bürger politische Teilhabe zuzugestehen und damit aber auch politische Verantwortung zu übertragen. Aber können wir überhaupt erwarten, dass die Menschen in einer Gesellschaft, in der Muße als Faulheit und Mäßigung als Konjunkturkrise gilt, in der Reichtum über Klugheit und Handlungsspielräume entscheidet, Weisheit zum Privatvergnügen verkommt und Wissenschaft sich wirtschaftlichen Erwägungen ergeben muss, die wenige Zeit, die ihnen zwischen Erwerbstätigkeit und Familie bleibt, für ein politisches Engagement hergeben, das dem Kampf David gegen Goliath gleicht? Wäre das nicht vielmehr Supererogation, also als Engagement zu begreifen, das über unsere Pflicht hinausgeht?

Institution versus Programm

„Ja und nein“, möchte ich an dieser Stelle antworten. Welche Forderungen man berechtigterweise an die politisch unzufriedene Person stellen kann, hängt wesentlich von dem konkreten Objekt der Unzufriedenheit und natürlich der persönlichen Lebenssituation ab. Es ist beispielsweise etwas anderes, ob jemand mit den bestehenden Parteien seines Landes oder in der oben beschriebenen Weise mit den Vertretern eines Programms unzufrieden ist. Eine Partei ist nämlich eine Institution, und Institutionen stehen und fallen durchaus mit ihren Mitgliedern. Insofern kann es bei Institutionen sehr wohl gerechtfertigt sein, zu bekunden „Ich mach da nicht mit, weil mir die Leute und ihre Verhaltensweisen nicht gefallen, obwohl ich diese oder jene Positionen teile.“ Jemandem deshalb zu erklären, er solle seiner Verantwortung als Bürger nachkommen und eine neue Partei gründen, erscheint mir zu viel des Guten. Es ist löblich, wenn eine Person so reagiert, ich finde aber nicht, dass man sich aus seiner Verantwortung stiehlt, wenn man es nicht tut. Programme hingegen stehen und fallen mit ihren Inhalten, und zwar mit den Inhalten, die sie an der Basis als diese Programme auszeichnen. Wenn man nun sowieso schon einen Artikel über ein Programm verfasst, verlangt es einem nicht einmal ein gesondertes Engagement ab, dieses Programm, das einem eigentlich gefällt, wieder aufzuwerten bzw. die ursprüngliche Bedeutung wieder bewusst zu machen, anstatt der mangelnden Differenzierung von Programm und Institution weiter Vorschub zu leisten, indem man das Programm ablehnt, weil man die Befürworter nicht gutheißt.

Eine Bitte

Darum bitte ich euch, liebe Menschen (ja, auch euch Männer!), die ihr für die Gleichstellung der Geschlechter seid, die ihr die Benachteiligung von Frauen als problematisch erachtet, begreift euch als Feministen, auch wenn euch die Art und Weise, wie moderne Feministen auftreten und debattieren, nicht zusagt. Erklärt, wie es besser geht, und überlasst ein gutes Etikett nicht einfach denjenigen, die es eurer Ansicht nach ganz und gar nicht richtig machen. So viel politisches Engagement kann man tatsächlich erwarten.

* Zur Frage der gendergerechten Sprache werde ich mich bald eingehend äußern und dann auch (vglw.) endgültige Entscheidungen für dieses Blog treffen. Bis dahin bleibe ich bei der deutschen Sprachtradition, die die männliche Form als Standard setzt (generisches Maskulinum).

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Bildrechte: HS YEARBOOK PHOTOS: Me and Roz give the photographer thumps up. The caption reads: „These two Sundancers added a burst of energy to the dance line.“ von Rona Proudfoot auf Flickr, CC BY-SA 2.0.

7 Gedanken zu „Bekennt euch zum Feminismus!

  1. Die hier artikulierte Position zu einer vertretbaren Balance zwischen politischer Einmischung und persönlicher Überforderung finde ich sehr überzeugend und auch ermutigend.
    Aber ich habe doch eine kleine Rückfrage: Warum sollte man sich zu einer feministischen Position ausgerechnet unter dem *Label* „Feminismus“ bekennen? Was macht dieses Label besser als z. B. ein Bekenntnis zur Gleichheitsforderung? Obwohl einiges dafür spricht, spricht auch einiges dagegen. Was macht die ersteren Argumente besser?
    Analog könnte man fragen: Wenn eine Partei ihren Ruf verspielt, warum nicht tatsächlich eine Bewegung unter neuem Namen gründen? Muss man sich zur SPD bekennen, auch wenn man sich mittlerweile besser bei der Linken aufgehoben fühlt?

    1. Ich würde hier, wie gesagt, zwischen Parteien (Institutionen), wie der SPD, und Bewegungen (Programmen/….ismen), wie dem Feminismus, differenzieren. SPD ist insofern kein gutes Beispiel, denn das ist in meinem Verständnis eine Institution, deren Güte ja auch wesentlich von ihren Mitgliedern und deren Handlungen/Ansichten abhängt. Sie kann daher leicht „ihren Ruf verspielen“, man kann schnell keine Lust mehr haben, mitzumachen usf. Ich glaube, wenn man es mit einem Programm (inkl. etabliertem Namen) zu tun hat, verhält sich das anders.
      Das Label eines Programms ist natürlich zunächst einmal nicht besser oder schlechter als eine Vielzahl anderer möglicher Namen. Letztlich dienen Namen ja nur der Zuordnung, um unsere Kommunikation zu erleichtern. Will nun jemand einen etablierten Namen eines Programms nicht für sich und seine Thesen verwenden, obwohl er weder inhaltlich am Programm, noch am Namen selbst etwas zu beanstanden hat, wirkt das ziemlich destruktiv. Ein anderer Fall läge vor, wenn uns beispielsweise die Person XY erklären würde, die Bezeichnung Feminismus sei ungünstig für die darunter gefassten Theorien, weil das regelmäßig zu Missverständnissen führe. Das wäre konstruktiv, es würde ja dem Verständnis der Konzeptionen dienlich sein. Ebenso könnte die Person berechtigt erklären: „Feministen teilen die These X, ich aber nicht; also bin ich kein Feminist.“ Das wäre ebenfalls konstruktiv, denn es würde dem Verständnis ihrer Theorie dienlich sein. Ich habe also gar nichts gegen Kritik am Ausdruck Feminismus.
      Angenommen aber, uns würde beispielsweise Peter Singer mitteilen „Ich bin kein Utilitarist, obwohl ich alle Thesen mit den Utilitaristen teile. Aber leider versteht sich auch (der berühmte Philosoph) Fidibu Fredibu als solcher, und der diskutiert immer so nervig auf Konferenzen und lässt die Leute nicht ausreden: Deshalb bin ich kein Utilitarist!“ In diesem Fall wären wir ziemlich irritiert, würden das kindisch oder gar lächerlich finden. Wir würden ihm erklären, dass er da etwas falsch verstanden habe und sehr wohl Utilitarist sei. (Gemäß meiner Bestimmung ist ja so auch Annett Meiritz Feministin, ob sie sich nun so nennen will oder nicht.)
      Die Ablehnung eines Programmnamens allein aufgrund der (vermeintlich od. tatsächlich) sich problematisch verhaltenden Personen, die sich dem Programm verschrieben haben, erinnert, so hat es Antje Schrupp meines Erachtens gut beschrieben, an die Haltung eines unzufriedenen Kunden, der seinen Dienstleister bewertet. Das wird der Sache nicht gerecht. Es entsteht der Verdacht, es gehe dabei nur um destruktive Abgrenzung, nicht um die Sache selbst, und schon gar nicht um konstruktive Kritik. Als Beispiel: Die Person, die anderen vorwirft, einmal besser zuzuhören, nimmt das ja gar nicht zum Anlass, selbst einmal zuzuhören, die erwähnten Argumente aufzugreifen und zu diskutieren, sondern nur dazu, sich zu beschweren, dass die anderen dies nicht täten und man deshalb ja leider das Label nicht benutzen könne. Es wird nicht einmal versucht, einen neuen Namen zu etablieren, à la: „Lasst uns doch einen friedlicheren und konstruktiveren Feminismus etablieren und den künftig Friminus nennen.“… Mit politischem Engagement für die Gleichstellung der Geschlechter hat das nur wenig zu tun.

      1. Super, danke! Das verstehe ich und dem kann ich mich anschließen. Zunächst wollte ich noch die Unterschiede zwischen dem us-amerikanische und europäischen Feminismus bringen und sagen, dass mir vor allem durch ersteren der Appetit vergangen ist. Aber es hilft tatsächlich, sich die Unterschiede zwischen Programm oder Ideologie einerseits und Institution bzw. Personen andererseits zu vergegenwärtigen. So könnte ich also Sozialdemokrat sein, ohne der SPD zu folgen, oder Feminist, ohne den amerikanischen Auswüchsen zu folgen. Entsprechend ergäbe sich gemeinsame Arbeit am Begriff bzw. Programm.

        1. Immer wieder gerne 🙂 Nun würde es mich ja schon einmal interessieren, welche us-amerikanischen Feministen dir fast den Feminismus verleidet hätten.

          1. Ich will jetzt gar keine Personen schmähen, sondern den Versuch vieler, bestimmte Programme zu institutionalisieren 😉 Generell macht mir – in akademischen Institutionen – der Umgang mit dem Wort „Macht“ und „Machtgefälle“ etc. sorgen, weil er Infantilisierung und Immunisierung verbindet. Studenten und bes. Studentinnen gelten da nicht als Akteure, sondern als schutzlose Wesen, die dem Treiben machtvoller Professoren ausgeliefert sind. Der Grundmodus, in dem man sich begegnet, scheint der einer Verdachtshermeneutik zu sein: Der/die andere will mir was. Das unterhölt das auf allen Seiten nötige Vertrauen.

            Meines Erachtens wird hier der (us-amerikanische) Feminismus zu einem Mittel, politische Positionen in akademischen Gremien durchzusetzen.

            Hier eine interessante Kontroverse zu aktuellen Fällen: http://dailynous.com/2015/03/31/lockwood-v-tooley-on-sexual-assault-on-campus/

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